INTROPosium – Gina-Lisa, Musicals und Feminismus

An diesem schicksalhaften Freitag finde ich mich pünktlich um 12 Uhr in der Baustelle ein, um dem INTROPosium zu lauschen. Es ist relativ leer. Die meisten wollen bei 30° im Schatten wohl lieber am See rumgammeln und über den Brexit diskutieren. Egal: Mehr kühle Schauspielluft, gut aufbereitete Informationen und knallhart recherchierte Fakten für mich.

Tatsächlich fühle ich mich nach den zwei Vorträgen (getreu dem Intro-Motto) besonders gut in die Thematiken eingeführt. Eigentlich sind Bachelor- und Masterarbeitsverteidigungen selbst für Fachkundige schwer nachvollziehbar, sofern man die Arbeit nicht gelesen hat. Nicht so bei Lisannes Votrag Literally Anything Goes: Über Sexarbeiterinnen im amerikanischen Musicals des 20. Jahrhunderts.  Um zu verstehen, wie sie auf kluge und unterhaltsame Weise von Gina-Lisa Lohfink zu der Analyse dreier Frauenfiguren aus den Musicals Anything Goes, Gypsy und Rent kommt, muss man schon dabei gewesen sein. Dazwischen erfahre ich mehr zu dem kapitalismuskritischen Feminismus Laurie Pennys, darüber wie die Entstehung des Formats Musicals mit der Prohibition zusammenhängt und dass in Deutschland – im Gegensatz zu den USA – Musicals immer noch vorschnell in die reine Unterhaltungsschublade gesteckt werden. Lediglich die Konklusion bleibt schwammig. Bringen die Figuren revolutionäres Potential mit, oder bleiben sie in den ihnen zugeschriebenen Rollenbildern verhaftet? Klar ist nur: Das Musical ist nicht auf den Status der Unterhaltung zu reduzieren! Musicals können politische Themen ansprechen, zeigen und reflektieren. Nur in Bezug auf die Frauenfiguren braucht es im Musical (wie in den meisten Medien) noch ein bisschen Zeit. Folgendes wird trotzdem schon mal hinter die Ohren tätowiert: „Musical is not always entertainment, but always entertaining!“

Anschließend gibt Johannes Nitschke vom Gender Glossar einen guten Überblick über den Stand der Geschlechterforschung, bei dem sogar für die ein oder andere Genderseminarabsolventin[1] noch neue Informationen dabei sein dürften. Durch Fotos der Künstlerin Heather Cassils, bei denen man nicht mehr klar unterschieden kann, ob sie einen Mann oder eine Frau zeigen, wird schnell klar, dass Geschlecht weniger durch biologische Merkmale erkennbar ist, als durch gesellschaftlich konstruierte Zeichen. Abschließend wird  diskutiert und festgestellt wie lustig wikimanni.org ist. Zusammengefasst: Misogynistische Fake-Enzyklopädien sind vom Unterhaltungswert auf jeden Fall die neuen Epic-Fail-Videos. Nach diesen zwei Stunden geballtem Wissen geht es doch zum See. Die Zukunft der EU will schließlich auch noch verhandelt werden.

P.S. Liebe Lisanne, Herzlichen Glückwunsch zu deinem Masterabschluss! Vielleicht nimmst du mich demnächst mit ins Musical? Irgendwie hätte ich da mal wieder Lust drauf…

[1] Diese Artikel gendert übrigens im generischen Femininum.

Maike Gomm

 

Jungsrythmen-Reaktionen

Leute direkt nach einem Stück überfallen und versuchen ihre Emotion festzuhalten? Klingt anstrengend für das Publikum. Da ich aber keine Kosten und Mühe scheue, um Menschen auf die Nerven zu gehen, haben wir hier ein paar Publikumsreaktionen direkt in den ersten paar Minuten nach dem Stück Jungsrythmen, welches im Neuen Schauspiel aufgeführt wurde.

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Und jetzt studiert diese Gesichter. Sieht interessant aus? Eben.

Louise Kenn

Louiseschreibtfueralle.com

INTROmyself – NACHTSICHTEN #02

Und zwar einer meiner beiden Kindheitsalbträume. Der Spätere von beiden, den hatte ich, bis ich ca. 12 Jahre alt war: Ich bin in meinem Zimmer, es ist Nachts oder Abend und ich möchte noch einmal kurz ins Bad. Neben meinem Zimmer ist ein langer Flur, der zu dem Zimmer meiner Schwester führt (ich hatte ein Durchgangszimmer). Als ich auf diesem Flur bin, öffnet sich ganz langsam und leise die Tür ihres Zimmers. Ich möchte wegrennen, kann mich aber nicht bewegen.

Aus dem Spalt zwischen Tür und Rahmen kriecht eine lange, schmale, weiße Hand mit gelblichen Fingernägeln. Mein Traum-Ich ist immer noch in seiner starre gefangen und kann sich nicht bewegen.
Als die Tür vollständig offen ist, sehe ich den restlichen Körper. Es ist eine Art Dracula. Eben der, von dem meine Schwester ein gemaltes Bild in ihrem Zimmer hängen hat.
Eigentlich ist es nur eine Büste, mit einem bleichen eiförmigen Kopf mit spitzen Ohren und blutunterlaufenen Augen. Trotzdem habe ich im Traum furchtbare Angst davor, möchte wegrennen, aber kann nicht.
Der Körper bewegt sich auf mich zu, langsam und bedrohlich. Im allerletzten Moment bricht meine Starre und ich kann mich losreißen. Als ich die Tür zum Flur aufreiße, ist das eigentlich gegenüber liegende Bad scheinbar meilenweit entfernt. Ich sehe den Lichtschein des Türfensters durch einen Wald von alten staubigen Spinnweben. Um vor dem körperlosen Dracula zu fliehen, kämpfe ich mich durch. Als ich die Tür zum Bad aufmache und hineinstürze schaut mich meine Mutter erstaunt an und fragt mich, warum ich nicht im Bett bin.
Dann bin ich meistens aufgewacht oder in traumlosen Schlaf übergegangen.

E., 20 Jahre

Abendspaziergang durch die Hood

Schlendern, spazieren, lustwandeln, sich herumtreiben, flanieren. Sich die kleinen Unebenheiten im Kopfsteinpflaster ansehen. Etwaige schlecht verfugte Betonplatten mit Blicken tadeln. Nach Regenwürmern suchen, oder nach einem schmucken Löwenzahn. Aber auch nach oben schauen, den restaurierten Stuck an den Häuserfronten bewundern, oder im Himmel nach Wolken Ausschau halten, die aussehen wie Geschlechtsteile. Macht man doch alles viel zu selten. Hat man meistens auch gar keine Zeit und Muße für. Statt auf die Straße zu schauen, glotzen die Meisten lieber in ihre Handfläche. Man muss sich beim Laufen auf dem Laufenden halten, Nachrichten wollen gelesen und kommentiert werden, auf dem Weg zum Friseur, zum Finanzamt oder zum Urologen, Termine, Termine, nichts als Termine. Zeit, mal wieder ins Theater zu gehen, bleibt erst recht nicht. Und wenn man sich doch mal aufrafft, für vierzig Euro ein Billet löst und dem Kadaver etwas Kultur gönnt, ist einem nach vier Stunden Shakespeare der Hintern eingeschlafen. Was auch scheiße ist, denn davon bekommt man Krampfadern und die sehen nicht geil aus.

Beides vereinen müsste man, dann könnte man einfach mal gediegen einen Fuß vor den anderen setzen, und sich dabei noch kulturell verlustieren. Spazieren gehen mit Anleitung, sozusagen. Auch dazu haben sich the good people at intro etwas einfallen lassen: alles was weiß ist schnee führt einen via Kopfhörer einmal rund um den Stannebeinplatz im urigen Neuschönefeld. Die Odyssee beginnt im Projekthaus „krudebude“, in welchem die Fundstücke (Streichholzschachteln, Teile kaputter Fußbälle und viele weitere Schätze) feinsäuberlich etikettiert ausgestellt sind. Meine Begleiterin trage ich in einem MP3-Player mit mir herum. Mehrmals weißt sie mich darauf hin, dass ich mich doch bitte nicht überfahren lassen soll, was ziemlich süß von ihr ist. Sie flüstert von Dingen, die ich mir zu eigen machen soll, die Kiesel auf dem Weg, die Litfaßsäule, die Häuser, die bei genauerer Betrachtung auch Spielzeugkästen sein könnten. Sie führt mich auf die Brücke und zeigt mir die Aussicht auf die Gleislandschaft, die zum Hauptbahnhof vor der untergehenden Sonne führt. Urbane Postkartenromantik, ziemlich schöne sogar, nicht auf Instagram, sondern ungefiltert live.

Das es mitten in Neuschönefeld tatsächlich schöne Felder beziehungsweise Parks gibt, war mir auch noch nicht klar, hätte mich Sabrina, wie ich sie nenne, nicht dorthin geführt. Ich traumwandle durch ein Tor aus verwachsenen Linden und gelange auf eine Lichtung. Ein grillendes Pärchen auf einer Parkbank fragt sich wahrscheinlich, was mein LSD-Ticker mir da angedreht hat, wie ich mich da mit Kopfhörern auf dem Kopf im Kreis drehe und in den Himmel schaue. Dabei folge ich nur Sabrinas Empfehlungen.

Als sich die Expedition dem Ende neigt, stelle ich fest, dass ich tatsächlich kein einziges Mal falsch gelaufen bin. Tauglichkeit für interaktive dramatische Formen: Check! In der „krudebude“ ist man sichtlich erleichtert über meine Rückkehr in wohlbehaltenem Zustand. Wie von Sabrina gewünscht habe ich auch etwas mitgebracht, eine leere Schachtel Zigarillos der Marke „Matrix“ a.k.a „Netto`s Finest“. Das knallige Orange gefällt mir. Ein kleines bisschen wie die Sonne über dem Hauptbahnhof.

 
Kay Schier

Das geht an alle!

Wir wollen Dialog. Mit euch. Mit allen. Teilen, kommen und austauschen. Sonntag, 16 Uhr.

Abschlusskundgebung des INTRO Festivals

Weil es um den Dialog geht. Weil Dialog nicht nur Konsens, sondern auch Streit, Auseinandersetzung, Diskussion, Vermittlung und Widerspruch bedeutet. Weil der Dialog zwischen uns stattfindet: Was ist Dramaturgie, wo findet sie statt? Wie und was lernen wir in Theorie und Praxis? Welche Möglichkeiten der Mitbestimmung haben wir in unserer Ausbildung? Das INTRO FESTIVAL, wir Dramaturgiestudierende aus Leipzig, laden zur Abschlusskundgebung ein.

Wir wollen von unseren Hochschulen gehört werden, den gemeinsamen Dialog vorantreiben und unser Studium aktiv mitgestalten, dass nicht nur unsere Ausbildung, sondern auch unser zukünftiges Berufsleben mitbestimmt.

Die Kundgebung unterteilt sich in drei Punkte:

  • Anmerkungen an die Dramaturgie – Standpunkte, Auffassungen, eigene Grundsätze beleuchten, positives wie negatives verdeutlichen
  • Forderungen an die Dramaturgie – Anliegen, Erwartungen und Utopien auszuformulieren und auch der Versuch, diese gemeinsam herauszufinden
  • Vorschläge für die Dramaturgie – wie können wir Prozesse anstoßen und in Bewegung halten?

Lasst uns gemeinsam gestalten. Ihr alle seid aufgerufen euch zu beteiligen, mit eigenen Wortbeiträgen und  spontanen Diskussionsrunden wollen wir Vorschläge gemeinsam erarbeiten. Also bringt eure Gedanken mit – egal ob schon ausformuliert oder um sie mit anderen zu konkretisieren. Vor Ort wird es neben dem Podium mehrere Tischrunden geben, an denen unterschiedliche Themen in Kurz-Workshops ausgearbeitet werden können.

Theater braucht eine lebensfähige Dramaturgie. Gestalten wir poröse Strukturen zusammen um.

Wann: 16 Uhr, Sonntag, 26.06.2016

Wo: Bosestraße zwischen den Pforten der HMT Leipzig und des Schauspiel Leipzigs

Zeltansichten in der Nacht

Ich gehe wieder auf meine alte Schule. Ich hinterfrage aber nicht, wieso. Auch nicht, warum sie viel größer ist als früher, mit lauter Räumen, die ich nicht kenne. Wir haben einen Lehrer, der sehr unbeliebt ist. Auch dafür weiß ich den Grund nicht. Vielleicht ist er ein Leuteschinder, vielleicht hat er einfach eine komische Frisur. Ich mag ihn zwar auch nicht besonders, aber die anderen aus meiner Klasse hassen ihn regelrecht. Anfangs sind es nur respektlose Sprüche, die seine Autorität untergraben, doch allmählich kippt die Stimmung ins Gewalttätige. Auf dem Schulhof sehe ich sie ihre Köpfe zusammenstecken und etwas aushecken. Lynchjustiz liegt in der Luft. Obwohl ich auf ihrer Seite stehe, beginnen meine Freunde mir Angst zu machen. Die faschistische Dynamik erinnert mich an einen Film mit Jürgen Vogel.

Ich komme zum Kunstraum. Haben wir jetzt überhaupt Kunst? Ich trete ein und sehe meine Freunde um einen Werktisch herum stehen. Auf ihm liegt der verhasste Lehrer. Sein Körper ist zerschmettert. Die Szene sieht aus wie Rembrandts Gemälde Die Anatomiestunde des Dr. Tulp. Einer meiner Freunde küsst das Mädchen an seiner Seite, die eine böse Aura umgibt. Sie hat die anderen angestiftet. Mein Freund tritt auf mich zu und erklärt mir lächelnd, wie sie ihn getötet haben, mit genau 250 Hammerschlägen auf seinen Brustkorb. Grauen überfällt mich.

Ich wache auf. Was hätte Doc Freud dazu gesagt? Egal.

Eine Weile lungere ich nur faul herum. Plötzlich fällt mir ein, dass gleich Deutschland spielt. Hastig breche ich auf. Ich schaue das Spiel nicht zu Ende, und gehe stattdessen ins Theater. Man empfängt mich, als hätte man mich schon erwartet. Bezahlen muss ich auch nicht. Als ich nach der Toilette frage, ist der Typ am Einlass jedoch brüskiert. Er schaut mich an, als würde ich nicht hierhin gehören. Vielleicht regt es ihn auf, dass ich nicht bezahlen muss.

Schließlich betrete ich den Bühnenraum, in dem ein großes Zelt steht, fast schon die Jurte eines mongolischen Kriegsherrn. Ich werde mit den anderen Zuschauern hineingeführt. Leute, die wie Hotelbedienstete gekleidet sind, schenken an alle Kakao aus. Das versetzt mich in Hochstimmung. Man weiß hier, wie man mit dem Publikum umgeht. Eine der Hotelbediensteten steht an einem DJ-Pult und erzeugt Geräusche. Ich schaue an die Decke und sehe eine Art Fenster aus Licht. Verschwommene Formen und Muster lösen sich mit unscharfen Aufnahmen von Tausendfüßlern und Ähnlichem ab. Ich stelle mir vor, wie die mongolischen Krieger hier drin nach einem erfolgreichen Raubzug Underground-Goa-Raves veranstalten.

Einer der Bediensteten erzählt uns einen seiner Träume. Er hadert mit dessen Inhalt. Während ihn seine Kollegin langsam auszieht, sinniert er darüber, ob der Traum sich auf seine Beziehung zu seinen Eltern bezieht. Die drei Schauspieler erzählen nacheinander von ihren Träumen, und deren mutmaßlicher Bedeutung. Auch unangenehme, gar albtraumhafte Episoden sparen sie nicht aus. Langsam dämmert es mir, was das Thema des Stücks sein könnte.

Die Grenzen zwischen den einzelnen Szenen sind unscharf, verschwimmen im Licht der Projektionen an der Decke. Innerhalb der Dialoge passieren seltsame Dinge, die keinen Sinn ergeben, und einen doch faszinieren. Ein Schauspieler zieht sich aus und wieder an. Der andere wechselt mitten im Gespräch in eine andere Sprache. Die Dritte nagelt ihre Füße an einen Hocker, was so laut ist, dass es die anderen beiden stört. Ich sehe und staune.

Sie suchen nach dem Wesen des Traums, verzweifeln schier an seiner Flüchtigkeit. Festnageln möchten sie ihn, einfangen und unter Glas ausstellen, doch er wird gasförmig, dringt durch das Glas und materialisiert sich wieder in der Luft, wo er unter der Zeltdecke schwebt. Ich sehe ihnen vergnügt dabei zu, wie sie in die Luft springen und nach ihm greifen, versuchen, seine Beschaffenheit zu ergründen, und dabei immer wieder beim selben Wort landen: Traumhaft. Er lässt sich so schwer fassen, weil er keine Entsprechung findet. Er ist nur durch sich selbst zu beschreiben. Die Schauspieler nähern ihm sich so nah an, wie es nur geht. Wir dürfen ihnen live beim Träumen zusehen.

Die Schauspieler ziehen sich Schlafanzüge an und gehen schlafen. Das Licht geht aus. Wir applaudieren, denn es war schön.

Ich wache auf. Ich glaube, ich habe geträumt. Ich stehe auf, gehe ins Wohnzimmer und setze mich an meinen Laptop. Er spricht mit seinem Mund. „Schön, dass sie es zurückgeschafft haben.“, sagt er. „Wir waren uns da, ehrlich gesagt, unsicher. Aber sie haben sich für weitere Missionen empfohlen. Wir sind noch lange nicht fertig mit ihnen.“

 

Kay Schier

Nachtsichten im Zelt

„Ein Traum von Theaterstück“ möchte ich am liebsten als Überschrift schreiben. Aber das klingt pathetisch und deswegen lasse ich es lieber, obwohl es tatsächlich zutrifft.

Nachtsichten war alles, was man sich vom Theater wünscht. Es fällt mir schwer darüber zu schreiben, man sollte es einfach ganz schnell nochmal aufführen und dann alle Leute, die man kennt, hinschicken.
Ich werde jetzt trotzdem zusammenfassend etwas darüber berichten, und zwar auf die einzige Art und Weise die mir einfällt um zu verbildlichen wie toll es war. Nämlich in klassischer Buzzfeed Manier: Reaction-gifs. Aber sein wir mal ehrlich, im Internet habt ihr sowieso alle die Aufmerksamkeitsspanne eines dreijährigen auf dem Rummelplatz, mehr verkraftet ihr doch sowieso nicht.

Schauplatz Baustelle im Schauspiel Leipzig. In der Mitte des Raumes ist ein Tipi aus bunten Stoffen aufgebaut, ein kleineres Tipi leuchtet verspielt in der Ecke. Im großen Tipi, der Bühne, ist der Boden voller Teppiche, das Licht leuchtet in verschiedenen Farben an die Zeltwände, an die Decke wirft ein Beamer faszinierende visuelle Spielereien, Stühle stehen wie wahllos im Raum umher. Beim Eintreten bekommt jeder einen Kakao. Und alle so:

Das Stück beginnt, die Musik der Djane zieht einen in den Bann, die drei Schauspieler überzeugen schon nach den ersten Sätzen. Einer erzählt einen Traum, die anderen beiden analysieren ihn. Dabei wird sowohl Erzählung als auch Analyse des Traumes klischeehaft ins Lächerliche gezogen, und ist gleichzeitig dennoch als ernsthafte Thematik erkennbar. Sehr clever.

Alles ist unheimlich schön und spannend. Die Kostüme der Schauspieler, welche alle ein wenig an das Outfit des Lobby Boys in Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“ erinnern, sind toll, der Text ist toll, der Inhalt ist toll, und man erwischt sich wie man sich wünscht, dass jetzt irgendwas schief läuft, denn so viel tolles auf einmal kann das Gemüt gar nicht so richtig verarbeiten.

Es läuft nichts schief. Ohne dabei banal zu werden, werden die klassischen Geschehnisse in unseren Träumen thematisiert. Nackt am falschen Ort zu sein, Hinterfragen des Verhältnisses zu den Eltern, geheime sexuelle Verlangen und auch albtraumhafte Elemente werden eingebaut. Dabei spielt noch das gleichzeitige Suchen nach der Erklärung eines Gefühls im Traum, beziehungsweise das Wiederfinden dieses Gefühls eine zentrale Rolle, dargestellt mit Musik. Das Publikum bleibt gebannt.

 

Und irgendwann, mitten im Stück, ohne Vorwarnung, realisiert man: Wir befinden uns in dem Traum einer der Charaktere. Und während er noch auf der Suche nach seinem Traum ist, träumt er weiter, und alle im Traumzelt sind Teil davon.

 

Und wie es so oft ist bei Träumen, ist man kurz davor die Lösung zu finden, man kann sie fast schon greifen, alles begreifen, verstehen was passiert, aber der Wecker klingelt immer lauter und man muss einfach gehen, die ganze Lösung bleibt einem verwehrt. Und so endet auch das Stück Nachtsichten, der Suchende hört noch die Anfänge der richtigen Musik, die das richtige Gefühl heraufbeschwört, aber leider muss er gehen, aufstehen im echten Leben.

Das war ein sehr gutes Theaterstück. Applaus!

APPLAUS!!!

 

 

Louise Kenn

Louiseschreibtfueralle.com

TOI TOI TOI für 32,7 m/s

©Sören Zweiniger
©Sören Zweiniger

Baustelle, die Zweite: heute Abend feiern wir mit 32,7 m/s eine weitere Premiere!

Die Sturm- Klangperformance legt den Akzent auf das Störungspotenzial eines Sturms als unaufhaltsame Kraft:
Wie bringt er bestehende Ordnungen aus dem Lot? Was geschieht, wenn ein sorgsam ausgearbeiteter Plan durch äußere Einflüsse durcheinandergewirbelt wird?
Wie gehen Betroffene mit solchen Situationen um, die sie weder vorhersehen noch selbst kontrollieren können? Wer kämpft dagegen an, wer resigniert, wer beginnt damit zu spielen?


Wer sich also schonmal gedanklich und thematisch auf den heutigen Abend einstimmen will, kann sich hier den Fragen der Umfrage stellen, mit der Masterstudentin Hanna Kneißler als Grundlage für ihre Konzeption gearbeitet hat:


Die folgenden Fragen beziehen sich auf deine eigenen Erlebnisse. Da sich manche Fragen ähneln, musst du auch nicht alle beantworten, sondern nur diejenigen, auf die deiner Meinung nach ein Ereignis aus deinem Leben am ehesten zutrifft. Bitte benenne diese Situationen möglichst konkret.
Wobei hast du schon einmal erlebt, dass…
… eine Situation unberechenbar war?
Welche Gefühle wurden dadurch bei dir ausgelöst?
Wie bist du mit der Situation umgegangen?
… du die Kontrolle über das Geschehen verloren hast?
Welche Gefühle wurden dadurch bei dir ausgelöst?
Wie bist du mit der Situation umgegangen?
… eine Situation sich verselbstständigt hat / eine Eigendynamik bekam?
Welche Gefühle wurden dadurch bei dir ausgelöst?
Wie bist du mit der Situation umgegangen?
… deine Pläne durchkreuzt wurden, ohne dass du es verhindern konntest?
Welche Gefühle wurden dadurch bei dir ausgelöst?
Wie bist du mit der Situation umgegangen?
… alles durcheinandergebracht wurde, was bisher war?
Welche Gefühle wurden dadurch bei dir ausgelöst?
Wie bist du mit der Situation umgegangen?


Die folgenden Fragen beziehen sich auf deine Selbsteinschätzung und eigene Meinung. Du kannst auch hier gerne konkrete Beispiele geben.
Auf einer Skala von 0 bis 10 (0 = überhaupt nicht gerne; 10 = extrem gerne):
Planst und kalkulierst du gerne Dinge im Voraus?
Warum (nicht)?
Gibst du gerne die Kontrolle an andere ab?
Warum (nicht)?
Gehst du gerne Risiken ein?
Warum (nicht)?


Anbei auch der passende Soundtrack zum Abend.

Ein großes Toi Toi Toi an das Team – und für alle anderen: Wir sehen uns in der Baustelle!

 

INTROmyself – NACHTSICHTEN #01

Ich kann mich ziemlich klar erinnern.
Und das, obwohl es schon Jahre zurückliegen muss. Nur ein einziges Mal habe ich das geträumt. Es war ein stiller Traum: Ich stand auf einem Hügel, der dicht mit grünster Wiese bewachsen war. Ich blickte in ein Tal, das lag da vor mir – so… „alle Viere von sich gestreckt“. Ich erinnere mich sehr gut an diese Weite – keine Bäume, keine Berge. Und an die Stille. Vor mir, in diesem Tal, stand eine Ruine. Eine, sich zu mir verirrte Caspar David Friedrich-Ruine. Und ich bewegte mich langsam darauf zu – ohne ihr dabei auch nur einen Schritt näher zu kommen. Bis heute bin ich davon überzeugt, von meinem Tod geträumt zu haben.
A., 21 Jahre

EIN SONETT ZUM DLL-ABEND

I proudly present: My first Sonett.
It’s about the DLL-Abend.
That was yesterday.
It’s written in german, by the way.
I’m so good at rhyming.Yeah.


STIPPVISTE – oder: Es gab Bier.

Die Sofas und Stühle im Kerzenschein,
Die Bühne mit Mikros bestückt,
Der technische Durchlauf geglückt
So gegen halb neun trudeln Zuschauer ein.

Vier Texte werden verlesen,
Verfasst von Studiern’den des DLL
(Ich fand sie gut, mal so generell),
Zur Halbzeit gab’s Bier am Tresen.

Die Pause tat gut, die Stimmung war heiter,
Einmal auf Klo und dann ging es weiter.
Es folgte Text drei bis vier.

Von Dramatugen wurden die Autor’n unterstützt
(Was am Ende wohl allen genützt);
Zum Dank gab es Rosen. Und dann wieder Bier.

… Ne Spaß, es gab Sekt.


Hannah Spielvogel