Thanatophobia – Keine Angst vor der Angst

Komplett durchnässt, aber hochmotiviert, habe ich es gerade noch rechtzeitig zum Westwerk geschafft. Trotz Gewitter, unverschämt vieler roter Ampeln, und Großsperrung mit SEK an der Eisenbahnstraße.

Alles für das INTROFestival
Alles für das INTROFestival ©Arne Bloch

Nun also Thanatophobia. Gleichermaßen atmosphärisch wie Alles was weiß ist Schnee und doch ein ganz anderes Format.

Ein dunkler Saal. Isolierte Plätze. Nebel. Klang. Ich spüre die Anwesenheit von Fremden hinter mir. Sie gehen zwischen den Stühlen entlang, eng an den Zuschauern vorbei. Ihre Glieder hängen leblos herab, wie tot.

Um den Tod soll es an diesem Abend auch gehen, genauer gesagt um die Angst davor. Die in dicke, schwarze Mäntel verpackten Menschen sind auf der Bühne angekommen und scharren sich um eine Glühbirne. Das Licht hat hier viele Bedeutungen, vor allem ist es das erste was die Angst vertreibt, nachdem man schweißgebadet aufgewacht ist. Erst einmal das Licht anmachen. Der Chor beginnt zu sprechen und wiederholt unablässig dasselbe Mantra: „Schaltet das Licht an. Atmet aus. Den Rücken an die Wand. Das Haar, durchnässt. Wasser perlt von der Stirn…“. In diesen Worten verliert man sich zunächst, nur um sich danach wiederzufinden, zurückgeworfen auf die eigenen Zweifel und Ängste. Es scheint hier gar nicht unbedingt um den Tod zu gehen, sondern viel mehr um die Angst und den eigenen Umgang damit. Denn was ist der Tod genau? Das Nichts, das Ungewisse und genau deswegen eignet er sich für das Publikum als Projektionsfläche.

Wir alle haben Angst. Angst, die sich durch ihre Unbestimmtheit von der Furcht unterscheidet. Man versucht ihr mit Argumenten beizukommen, doch es ist zwecklos. Der Chor bei Thanatophobia stellt genau diesen inneren Zwiespalt eines Phobikers aus. Seele vs. Verstand; Emotionen gegen Rationalität. Tatsächlich wechselt der Chor von der einen Stimmung in die Andere. Gerade noch im Schock mit der Aufarbeitung der Panikattacke beschäftigt, doziert er im nächsten Moment altklug über Angst und Tod. Dieser besserwisserische Teil des Chores stört zunächst, verstärkt jedoch auch die Sympathien für den emotionalen Teil. „Schaltet das Licht an, atmet aus, den Rücken an die Wand…“

Erst gegen Ende finden beide Parts zueinander. Ein Mitglied steigt aus dem Chor aus, reflektiert und hinterfragt was sie vorher besserwisserisch von sich gab. Die Versöhnung liegt irgendwo dazwischen. Ein Leben ohne Angst ist ebenso unmöglich, wie eines das nur aus ihr besteht. Statt Erlösung gibt es Verdrängung. So wie die Akteure sinnbildlich ihre Mäntel ablegen, so kann man versuchen, die eigene Angst abzulegen. Das ist wohl die einzige Möglichkeit, mit ihr umzugehen. Thantophobia ist kein Abend über die Angst vor dem Tod, sondern ein Abend über Angst. Und die haben wir alle.

Maike Gomm