Jungsrythmen-Reaktionen

Leute direkt nach einem Stück überfallen und versuchen ihre Emotion festzuhalten? Klingt anstrengend für das Publikum. Da ich aber keine Kosten und Mühe scheue, um Menschen auf die Nerven zu gehen, haben wir hier ein paar Publikumsreaktionen direkt in den ersten paar Minuten nach dem Stück Jungsrythmen, welches im Neuen Schauspiel aufgeführt wurde.

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Und jetzt studiert diese Gesichter. Sieht interessant aus? Eben.

Louise Kenn

Louiseschreibtfueralle.com

INTROmyself – NACHTSICHTEN #02

Und zwar einer meiner beiden Kindheitsalbträume. Der Spätere von beiden, den hatte ich, bis ich ca. 12 Jahre alt war: Ich bin in meinem Zimmer, es ist Nachts oder Abend und ich möchte noch einmal kurz ins Bad. Neben meinem Zimmer ist ein langer Flur, der zu dem Zimmer meiner Schwester führt (ich hatte ein Durchgangszimmer). Als ich auf diesem Flur bin, öffnet sich ganz langsam und leise die Tür ihres Zimmers. Ich möchte wegrennen, kann mich aber nicht bewegen.

Aus dem Spalt zwischen Tür und Rahmen kriecht eine lange, schmale, weiße Hand mit gelblichen Fingernägeln. Mein Traum-Ich ist immer noch in seiner starre gefangen und kann sich nicht bewegen.
Als die Tür vollständig offen ist, sehe ich den restlichen Körper. Es ist eine Art Dracula. Eben der, von dem meine Schwester ein gemaltes Bild in ihrem Zimmer hängen hat.
Eigentlich ist es nur eine Büste, mit einem bleichen eiförmigen Kopf mit spitzen Ohren und blutunterlaufenen Augen. Trotzdem habe ich im Traum furchtbare Angst davor, möchte wegrennen, aber kann nicht.
Der Körper bewegt sich auf mich zu, langsam und bedrohlich. Im allerletzten Moment bricht meine Starre und ich kann mich losreißen. Als ich die Tür zum Flur aufreiße, ist das eigentlich gegenüber liegende Bad scheinbar meilenweit entfernt. Ich sehe den Lichtschein des Türfensters durch einen Wald von alten staubigen Spinnweben. Um vor dem körperlosen Dracula zu fliehen, kämpfe ich mich durch. Als ich die Tür zum Bad aufmache und hineinstürze schaut mich meine Mutter erstaunt an und fragt mich, warum ich nicht im Bett bin.
Dann bin ich meistens aufgewacht oder in traumlosen Schlaf übergegangen.

E., 20 Jahre

Abendspaziergang durch die Hood

Schlendern, spazieren, lustwandeln, sich herumtreiben, flanieren. Sich die kleinen Unebenheiten im Kopfsteinpflaster ansehen. Etwaige schlecht verfugte Betonplatten mit Blicken tadeln. Nach Regenwürmern suchen, oder nach einem schmucken Löwenzahn. Aber auch nach oben schauen, den restaurierten Stuck an den Häuserfronten bewundern, oder im Himmel nach Wolken Ausschau halten, die aussehen wie Geschlechtsteile. Macht man doch alles viel zu selten. Hat man meistens auch gar keine Zeit und Muße für. Statt auf die Straße zu schauen, glotzen die Meisten lieber in ihre Handfläche. Man muss sich beim Laufen auf dem Laufenden halten, Nachrichten wollen gelesen und kommentiert werden, auf dem Weg zum Friseur, zum Finanzamt oder zum Urologen, Termine, Termine, nichts als Termine. Zeit, mal wieder ins Theater zu gehen, bleibt erst recht nicht. Und wenn man sich doch mal aufrafft, für vierzig Euro ein Billet löst und dem Kadaver etwas Kultur gönnt, ist einem nach vier Stunden Shakespeare der Hintern eingeschlafen. Was auch scheiße ist, denn davon bekommt man Krampfadern und die sehen nicht geil aus.

Beides vereinen müsste man, dann könnte man einfach mal gediegen einen Fuß vor den anderen setzen, und sich dabei noch kulturell verlustieren. Spazieren gehen mit Anleitung, sozusagen. Auch dazu haben sich the good people at intro etwas einfallen lassen: alles was weiß ist schnee führt einen via Kopfhörer einmal rund um den Stannebeinplatz im urigen Neuschönefeld. Die Odyssee beginnt im Projekthaus „krudebude“, in welchem die Fundstücke (Streichholzschachteln, Teile kaputter Fußbälle und viele weitere Schätze) feinsäuberlich etikettiert ausgestellt sind. Meine Begleiterin trage ich in einem MP3-Player mit mir herum. Mehrmals weißt sie mich darauf hin, dass ich mich doch bitte nicht überfahren lassen soll, was ziemlich süß von ihr ist. Sie flüstert von Dingen, die ich mir zu eigen machen soll, die Kiesel auf dem Weg, die Litfaßsäule, die Häuser, die bei genauerer Betrachtung auch Spielzeugkästen sein könnten. Sie führt mich auf die Brücke und zeigt mir die Aussicht auf die Gleislandschaft, die zum Hauptbahnhof vor der untergehenden Sonne führt. Urbane Postkartenromantik, ziemlich schöne sogar, nicht auf Instagram, sondern ungefiltert live.

Das es mitten in Neuschönefeld tatsächlich schöne Felder beziehungsweise Parks gibt, war mir auch noch nicht klar, hätte mich Sabrina, wie ich sie nenne, nicht dorthin geführt. Ich traumwandle durch ein Tor aus verwachsenen Linden und gelange auf eine Lichtung. Ein grillendes Pärchen auf einer Parkbank fragt sich wahrscheinlich, was mein LSD-Ticker mir da angedreht hat, wie ich mich da mit Kopfhörern auf dem Kopf im Kreis drehe und in den Himmel schaue. Dabei folge ich nur Sabrinas Empfehlungen.

Als sich die Expedition dem Ende neigt, stelle ich fest, dass ich tatsächlich kein einziges Mal falsch gelaufen bin. Tauglichkeit für interaktive dramatische Formen: Check! In der „krudebude“ ist man sichtlich erleichtert über meine Rückkehr in wohlbehaltenem Zustand. Wie von Sabrina gewünscht habe ich auch etwas mitgebracht, eine leere Schachtel Zigarillos der Marke „Matrix“ a.k.a „Netto`s Finest“. Das knallige Orange gefällt mir. Ein kleines bisschen wie die Sonne über dem Hauptbahnhof.

 
Kay Schier

Zeltansichten in der Nacht

Ich gehe wieder auf meine alte Schule. Ich hinterfrage aber nicht, wieso. Auch nicht, warum sie viel größer ist als früher, mit lauter Räumen, die ich nicht kenne. Wir haben einen Lehrer, der sehr unbeliebt ist. Auch dafür weiß ich den Grund nicht. Vielleicht ist er ein Leuteschinder, vielleicht hat er einfach eine komische Frisur. Ich mag ihn zwar auch nicht besonders, aber die anderen aus meiner Klasse hassen ihn regelrecht. Anfangs sind es nur respektlose Sprüche, die seine Autorität untergraben, doch allmählich kippt die Stimmung ins Gewalttätige. Auf dem Schulhof sehe ich sie ihre Köpfe zusammenstecken und etwas aushecken. Lynchjustiz liegt in der Luft. Obwohl ich auf ihrer Seite stehe, beginnen meine Freunde mir Angst zu machen. Die faschistische Dynamik erinnert mich an einen Film mit Jürgen Vogel.

Ich komme zum Kunstraum. Haben wir jetzt überhaupt Kunst? Ich trete ein und sehe meine Freunde um einen Werktisch herum stehen. Auf ihm liegt der verhasste Lehrer. Sein Körper ist zerschmettert. Die Szene sieht aus wie Rembrandts Gemälde Die Anatomiestunde des Dr. Tulp. Einer meiner Freunde küsst das Mädchen an seiner Seite, die eine böse Aura umgibt. Sie hat die anderen angestiftet. Mein Freund tritt auf mich zu und erklärt mir lächelnd, wie sie ihn getötet haben, mit genau 250 Hammerschlägen auf seinen Brustkorb. Grauen überfällt mich.

Ich wache auf. Was hätte Doc Freud dazu gesagt? Egal.

Eine Weile lungere ich nur faul herum. Plötzlich fällt mir ein, dass gleich Deutschland spielt. Hastig breche ich auf. Ich schaue das Spiel nicht zu Ende, und gehe stattdessen ins Theater. Man empfängt mich, als hätte man mich schon erwartet. Bezahlen muss ich auch nicht. Als ich nach der Toilette frage, ist der Typ am Einlass jedoch brüskiert. Er schaut mich an, als würde ich nicht hierhin gehören. Vielleicht regt es ihn auf, dass ich nicht bezahlen muss.

Schließlich betrete ich den Bühnenraum, in dem ein großes Zelt steht, fast schon die Jurte eines mongolischen Kriegsherrn. Ich werde mit den anderen Zuschauern hineingeführt. Leute, die wie Hotelbedienstete gekleidet sind, schenken an alle Kakao aus. Das versetzt mich in Hochstimmung. Man weiß hier, wie man mit dem Publikum umgeht. Eine der Hotelbediensteten steht an einem DJ-Pult und erzeugt Geräusche. Ich schaue an die Decke und sehe eine Art Fenster aus Licht. Verschwommene Formen und Muster lösen sich mit unscharfen Aufnahmen von Tausendfüßlern und Ähnlichem ab. Ich stelle mir vor, wie die mongolischen Krieger hier drin nach einem erfolgreichen Raubzug Underground-Goa-Raves veranstalten.

Einer der Bediensteten erzählt uns einen seiner Träume. Er hadert mit dessen Inhalt. Während ihn seine Kollegin langsam auszieht, sinniert er darüber, ob der Traum sich auf seine Beziehung zu seinen Eltern bezieht. Die drei Schauspieler erzählen nacheinander von ihren Träumen, und deren mutmaßlicher Bedeutung. Auch unangenehme, gar albtraumhafte Episoden sparen sie nicht aus. Langsam dämmert es mir, was das Thema des Stücks sein könnte.

Die Grenzen zwischen den einzelnen Szenen sind unscharf, verschwimmen im Licht der Projektionen an der Decke. Innerhalb der Dialoge passieren seltsame Dinge, die keinen Sinn ergeben, und einen doch faszinieren. Ein Schauspieler zieht sich aus und wieder an. Der andere wechselt mitten im Gespräch in eine andere Sprache. Die Dritte nagelt ihre Füße an einen Hocker, was so laut ist, dass es die anderen beiden stört. Ich sehe und staune.

Sie suchen nach dem Wesen des Traums, verzweifeln schier an seiner Flüchtigkeit. Festnageln möchten sie ihn, einfangen und unter Glas ausstellen, doch er wird gasförmig, dringt durch das Glas und materialisiert sich wieder in der Luft, wo er unter der Zeltdecke schwebt. Ich sehe ihnen vergnügt dabei zu, wie sie in die Luft springen und nach ihm greifen, versuchen, seine Beschaffenheit zu ergründen, und dabei immer wieder beim selben Wort landen: Traumhaft. Er lässt sich so schwer fassen, weil er keine Entsprechung findet. Er ist nur durch sich selbst zu beschreiben. Die Schauspieler nähern ihm sich so nah an, wie es nur geht. Wir dürfen ihnen live beim Träumen zusehen.

Die Schauspieler ziehen sich Schlafanzüge an und gehen schlafen. Das Licht geht aus. Wir applaudieren, denn es war schön.

Ich wache auf. Ich glaube, ich habe geträumt. Ich stehe auf, gehe ins Wohnzimmer und setze mich an meinen Laptop. Er spricht mit seinem Mund. „Schön, dass sie es zurückgeschafft haben.“, sagt er. „Wir waren uns da, ehrlich gesagt, unsicher. Aber sie haben sich für weitere Missionen empfohlen. Wir sind noch lange nicht fertig mit ihnen.“

 

Kay Schier

Nachtsichten im Zelt

„Ein Traum von Theaterstück“ möchte ich am liebsten als Überschrift schreiben. Aber das klingt pathetisch und deswegen lasse ich es lieber, obwohl es tatsächlich zutrifft.

Nachtsichten war alles, was man sich vom Theater wünscht. Es fällt mir schwer darüber zu schreiben, man sollte es einfach ganz schnell nochmal aufführen und dann alle Leute, die man kennt, hinschicken.
Ich werde jetzt trotzdem zusammenfassend etwas darüber berichten, und zwar auf die einzige Art und Weise die mir einfällt um zu verbildlichen wie toll es war. Nämlich in klassischer Buzzfeed Manier: Reaction-gifs. Aber sein wir mal ehrlich, im Internet habt ihr sowieso alle die Aufmerksamkeitsspanne eines dreijährigen auf dem Rummelplatz, mehr verkraftet ihr doch sowieso nicht.

Schauplatz Baustelle im Schauspiel Leipzig. In der Mitte des Raumes ist ein Tipi aus bunten Stoffen aufgebaut, ein kleineres Tipi leuchtet verspielt in der Ecke. Im großen Tipi, der Bühne, ist der Boden voller Teppiche, das Licht leuchtet in verschiedenen Farben an die Zeltwände, an die Decke wirft ein Beamer faszinierende visuelle Spielereien, Stühle stehen wie wahllos im Raum umher. Beim Eintreten bekommt jeder einen Kakao. Und alle so:

Das Stück beginnt, die Musik der Djane zieht einen in den Bann, die drei Schauspieler überzeugen schon nach den ersten Sätzen. Einer erzählt einen Traum, die anderen beiden analysieren ihn. Dabei wird sowohl Erzählung als auch Analyse des Traumes klischeehaft ins Lächerliche gezogen, und ist gleichzeitig dennoch als ernsthafte Thematik erkennbar. Sehr clever.

Alles ist unheimlich schön und spannend. Die Kostüme der Schauspieler, welche alle ein wenig an das Outfit des Lobby Boys in Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“ erinnern, sind toll, der Text ist toll, der Inhalt ist toll, und man erwischt sich wie man sich wünscht, dass jetzt irgendwas schief läuft, denn so viel tolles auf einmal kann das Gemüt gar nicht so richtig verarbeiten.

Es läuft nichts schief. Ohne dabei banal zu werden, werden die klassischen Geschehnisse in unseren Träumen thematisiert. Nackt am falschen Ort zu sein, Hinterfragen des Verhältnisses zu den Eltern, geheime sexuelle Verlangen und auch albtraumhafte Elemente werden eingebaut. Dabei spielt noch das gleichzeitige Suchen nach der Erklärung eines Gefühls im Traum, beziehungsweise das Wiederfinden dieses Gefühls eine zentrale Rolle, dargestellt mit Musik. Das Publikum bleibt gebannt.

 

Und irgendwann, mitten im Stück, ohne Vorwarnung, realisiert man: Wir befinden uns in dem Traum einer der Charaktere. Und während er noch auf der Suche nach seinem Traum ist, träumt er weiter, und alle im Traumzelt sind Teil davon.

 

Und wie es so oft ist bei Träumen, ist man kurz davor die Lösung zu finden, man kann sie fast schon greifen, alles begreifen, verstehen was passiert, aber der Wecker klingelt immer lauter und man muss einfach gehen, die ganze Lösung bleibt einem verwehrt. Und so endet auch das Stück Nachtsichten, der Suchende hört noch die Anfänge der richtigen Musik, die das richtige Gefühl heraufbeschwört, aber leider muss er gehen, aufstehen im echten Leben.

Das war ein sehr gutes Theaterstück. Applaus!

APPLAUS!!!

 

 

Louise Kenn

Louiseschreibtfueralle.com

TOI TOI TOI für 32,7 m/s

©Sören Zweiniger
©Sören Zweiniger

Baustelle, die Zweite: heute Abend feiern wir mit 32,7 m/s eine weitere Premiere!

Die Sturm- Klangperformance legt den Akzent auf das Störungspotenzial eines Sturms als unaufhaltsame Kraft:
Wie bringt er bestehende Ordnungen aus dem Lot? Was geschieht, wenn ein sorgsam ausgearbeiteter Plan durch äußere Einflüsse durcheinandergewirbelt wird?
Wie gehen Betroffene mit solchen Situationen um, die sie weder vorhersehen noch selbst kontrollieren können? Wer kämpft dagegen an, wer resigniert, wer beginnt damit zu spielen?


Wer sich also schonmal gedanklich und thematisch auf den heutigen Abend einstimmen will, kann sich hier den Fragen der Umfrage stellen, mit der Masterstudentin Hanna Kneißler als Grundlage für ihre Konzeption gearbeitet hat:


Die folgenden Fragen beziehen sich auf deine eigenen Erlebnisse. Da sich manche Fragen ähneln, musst du auch nicht alle beantworten, sondern nur diejenigen, auf die deiner Meinung nach ein Ereignis aus deinem Leben am ehesten zutrifft. Bitte benenne diese Situationen möglichst konkret.
Wobei hast du schon einmal erlebt, dass…
… eine Situation unberechenbar war?
Welche Gefühle wurden dadurch bei dir ausgelöst?
Wie bist du mit der Situation umgegangen?
… du die Kontrolle über das Geschehen verloren hast?
Welche Gefühle wurden dadurch bei dir ausgelöst?
Wie bist du mit der Situation umgegangen?
… eine Situation sich verselbstständigt hat / eine Eigendynamik bekam?
Welche Gefühle wurden dadurch bei dir ausgelöst?
Wie bist du mit der Situation umgegangen?
… deine Pläne durchkreuzt wurden, ohne dass du es verhindern konntest?
Welche Gefühle wurden dadurch bei dir ausgelöst?
Wie bist du mit der Situation umgegangen?
… alles durcheinandergebracht wurde, was bisher war?
Welche Gefühle wurden dadurch bei dir ausgelöst?
Wie bist du mit der Situation umgegangen?


Die folgenden Fragen beziehen sich auf deine Selbsteinschätzung und eigene Meinung. Du kannst auch hier gerne konkrete Beispiele geben.
Auf einer Skala von 0 bis 10 (0 = überhaupt nicht gerne; 10 = extrem gerne):
Planst und kalkulierst du gerne Dinge im Voraus?
Warum (nicht)?
Gibst du gerne die Kontrolle an andere ab?
Warum (nicht)?
Gehst du gerne Risiken ein?
Warum (nicht)?


Anbei auch der passende Soundtrack zum Abend.

Ein großes Toi Toi Toi an das Team – und für alle anderen: Wir sehen uns in der Baustelle!

 

INTROmyself – NACHTSICHTEN #01

Ich kann mich ziemlich klar erinnern.
Und das, obwohl es schon Jahre zurückliegen muss. Nur ein einziges Mal habe ich das geträumt. Es war ein stiller Traum: Ich stand auf einem Hügel, der dicht mit grünster Wiese bewachsen war. Ich blickte in ein Tal, das lag da vor mir – so… „alle Viere von sich gestreckt“. Ich erinnere mich sehr gut an diese Weite – keine Bäume, keine Berge. Und an die Stille. Vor mir, in diesem Tal, stand eine Ruine. Eine, sich zu mir verirrte Caspar David Friedrich-Ruine. Und ich bewegte mich langsam darauf zu – ohne ihr dabei auch nur einen Schritt näher zu kommen. Bis heute bin ich davon überzeugt, von meinem Tod geträumt zu haben.
A., 21 Jahre

Memo to Self.

6 things I took home from INTRO – the Festivaleröffnung and everything that followed

  1. In case of emergency and no keys to open the door bring four bottles of champagne and plastic cups. Most everyone will like you. And the others will be offered orange juice.

  1. Always be nice to every doorman (or: doorwoman) you ever meet. They’ll remember you in the way you want to be remembered. They don’t forget. Ever. At least Frau Scholz doesn’t and Frau Scholz has all the power to give or to not give you a key, to find or to not find a solution for your problem over in Dittrichring.

  1. Actors can shout. Yes, they can. They also can say things that move you in a very telepreacher kind of way. I liked. A lot.

  1. „Ist jemand vom StuRa da?“ (Is there a member of the student council in this room?) is a question that should not be asked. Especially when it says on the program leaflet „speech of a StuRa-member“. And it really shouldn’t be answered with a NO!. But it was.

  1. Wolfram Lotz and Hannes Becker read out their 27 Forderungen an das Theater. And many of those sentences about theatre and how it might be one day in the near or probably far future made me want to clap. But that would have been weird if I had been the only one…right?

  1. Must learn more about revolutions and military coups in Latin America. Especially in Chile. We never EVER possibly know enough.

  2. Lisanne Wiegand

NOCTURNO/ Warm-Up-Party

 

Schnell merke ich, dass heute etwas anders ist als sonst. Um acht Uhr abends in der Schlange vor dem IfZ zu stehen, fühlt sich arg verfrüht an. Die dort verbrachte Zeit reicht, wieder untypisch, kaum für eine Zigarette. Am Eingang werde ich nicht auf Drogen, Glasflaschen oder waffenfähiges Plutonium kontrolliert. Die Toiletten sind sehr sauber. Was ist hier los?

Das IfZ einmal in einem anderen Licht, lautet das Motto. Oder auf dramaturgisch: Das Institut für Zukunft rekontextualisiert. Die Beleuchtung, die zum Einsatz kommt, ist schließlich dieselbe wie immer. Der Anlass des Besuchs der ehrwürdigen Hallen aber ein besonderer: Die Aufführung von NOCTURNO gibt den Startschuss zum INTRO-Festival.

Das Stück basiert auf Texten und Teilen der Biographie Roberto Bolaños. Lange von der Öffentlichkeit unbeachtet, brachte es der chilenische Schriftsteller wenige Jahre vor seinem Tod 2003 mit Romanen wie „Los detectives salvajes“ oder dem posthum erschienenen „2666“ zu Weltruhm. 13 Jahre danach gilt er immer noch als eine der wichtigsten Stimmen der jüngeren Südamerikanischen Literatur. Die Inszenierung greift eine der prägendsten Erfahrungen des Autors auf: Bolaño, der den Großteil seiner Jugend in Mexiko verbrachte, kehrte 1973 in seine Heimat zurück, mit – wie sich herausstellen sollte – sensationell schlechtem Timing: Im selben Jahr putschte Augusto Pinochet mit freundlicher Unterstützung der CIA gegen den sozialistischen Hoffnungsträger Salvador Allende. Unmittelbar nach seiner Machtergreifung begann die Verfolgung seiner politischen Gegner. Im Zuge dessen geriet auch Bolaño als Unterstützer Allendes in die Fänge von Pinochets Folterknechten. Anders als vielen anderen gelang es ihm jedoch, nach achttägiger Gefangenschaft mit Hilfe von Freunden das Land zu verlassen.

Ein Stück über die Grausamkeit von Menschen gegenüber Menschen also. Passenderweise erinnert der Haupttrakt des IfZ, die mutmaßliche Bühne, mit seinen gefliesten Wänden und den Industrielampen an ein Schlachthaus. Doch so einfach macht man es dem Zuschauer nicht. Nach einer Einführung zur Person des Autors über Lautsprecher pumpt wie gehabt Techno durch die Kirsch Audio. Schön anzusehen ist der Moment, in dem das Publikum versteht und sich wie auf Kommando in Bewegung setzt. Es gilt, die Katakomben zu erkunden.

Auf dem Weg zur Bar werde ich von einer jungen Dame an der Hand genommen. Wird schon seine Richtigkeit haben, denke ich mir. Sie führt mich zum Darkroom, begleitet mich aber nicht mit hinein. Ich taste mich durch das Dunkel mit der Gewissheit, dass da gleich noch etwas kommt, dass ich nicht weiß, aus welcher Ecke es kommt, und dass es nicht schön sein wird. Als ich herauskomme, bin ich um eine verstörende, menschliche, theatralische Erfahrung reicher. Mir schaudert bei der Vorstellung, dass Leute in dieser Folterkammer Sex haben.

Das Stück erweist sich als – obacht! – multimediale dramatische Installation. Von Schauspielern wird wenig gespielt, vom Zuschauer dafür umso mehr. Der Industriekeller wird zu einem Point-and-Click- Adventure, untermalt mit hartem Techno, in dem wir uns die Teile selbst zusammensuchen müssen. Zu finden sind sie in Form von Gesprächen, Monologen und Telefonaten in dunklen Nischen, auf Leinwänden und versteckten MP3-Playern. Theater ist hier eine Sache des Selbermachens, auch des selber Denkens, wenn es um die Verknüpfung der dramatischen Schnipsel geht, was sich von einem konventionellen Theaterabend wohltuend unterscheidet. Tatsächlich hätte aber ein wenig mehr roter Faden, etwas mehr Anleitung dem Projekt gut getan. So bin ich mir sicher, dass ich in einem Paralleluniversum zwei Stunden an der Bar saß und mich gefragt habe, wann es denn jetzt eigentlich losgeht. Mit den einzelnen Fragmenten lose nebeneinander ist das Ganze hier die Summe seiner Teile.

Zum Abschluss überführen zwei Dragqueens, im Stück Polizisten und Bolaños Peiniger, mit einer letzten Szene die Zuschauer in den Partyteil des Abends. Der Satz „Was hat denn irgend ein Flüchtling davon, wenn ich keinen Spaß habe?“ leert den Dancefloor allerdings schneller als ein Gabber-Remix von „Atemlos durch die Nacht“. In der Folge bleibt es vor dem DJ-Pult auch zu leer, um wirklich exzessive Stimmung aufkommen zu lassen. Eine halbe Stunde lang sind dort nur ein Kiffer, ein altgedienter Raver, der rein aus Prinzip Freitags ins IfZ geht, und ich. Als ich mich frage, ob wir wirklich nur noch zu dritt sind, gehe ich an die Bar, und sehe dort alle herumlungern. Klar ist es früh und die Nacht noch lang, das Leben aber wiederum kurz und die Musik geil, und die Leute könnten sicher auch beim Tanzen an ihrem Bier nuckeln. Ich bin für reglementierte Sitzzeiten auf Partys, fünf Minuten in der Stunde müssen reichen. Wer die dreimal an einem Abend überschreitet, bekommt Raveverbot. Es böte sich dem IfZ die Möglichkeit, vor dem Hintergrund der kriselnden Weltwirtschaft einen Arbeitsplatz zu schaffen und einen Partyordner anzustellen, der dafür sorgt, dass die Leute auch ordentlich feiern. Leider habe ich aber kein Megafon dabei, um meine Ideen zu verkünden. Stattdessen lungere ich herum und nuckle an meinem Bier.

Nach Mitternacht beginnt sich der Tanzflur langsam, ganz langsam zu füllen. Der altgediente Raver zieht weiterhin seine Kreise um die Säule, nach ca. 15 Minuten hat er sie jeweils tanzend umrundet. Alle DJs spielen starke Sets, ich bekomme einen miesen Ohrwurm von diesem einen Track, du weißt schon welchen ich meine. Danke dafür. Jedoch erlahme ich schließlich, merke, dass ich selber nicht mehr Party nach Vorschrift mache, und entlasse mich hinaus aus Nocturno selbst in die Nacht. Cool wars.

Kay Schier

10 Forderungen an eine Festivaleröffnung

– ein Resümee zum INTRO-Start –

  1. Regen und Sonne ergeben einen schönen Regenbogen. Das hebt die Stimmung, sollte es einmal zu Verzögerungen kommen.
  2. Es gibt Sekt. Für die, die keinen Sekt mögen, gibt es O-Saft.
  3. Die Location muss cool sein. Das IFZ ist cool.
    Etwas zu düster für meinen Geschmack, aber cool.
  4. Technisch geschultes Personal ist in der Lage auch die widerspenstigste Technik in den Griff zu kriegen. Beamer und Boxen sollten von nun an kein Hindernis mehr darstellen.
  5. Die Vorträge sind vielfältig. Sie sollten eine Skala von systemkritisch – systemkonform abdecken; polemisch, sowie wohlwollend sein.
  6. Vertraute Gesichter treffen auf Unbekannte. Fremde Leute lernen sich kennen, tauschen sich aus. Das Publikum soll sich vermischen.
  7. Frau Scholz* muss dabei sein. Ja. Damit sie uns sagt, dass das gut ist, was wir hier machen.
  8. Schauspielstudenten sollten auch dabei sein. Damit sie uns sagen, was besser laufen kann, zwischen unseren Studiengängen.
  9. Wolfram Lotz* kommt immer gut. Wenn er seine 27 Forderungen an das Theater zusammen mit Hannes Becker* vorträgt, ist das sogar noch besser.
  10. Es gibt die Möglichkeit zum Austausch. Draußen. Dazu gibt es wieder Sekt (oder O-Saft) und die Vorfreude, auf das Theaterstück, das im Anschluss kommt.

* Kerstin Scholz: empfängt alle Studierenden im Dittrichring. Verteilt Schlüssel und gute Ratschläge
* Wolfram Lotz: schreibt Theaterstücke und gibt Seminare. Verteilt gute Ratschläge und schrieb 27 Forderungen an das Theater
* Hannes Becker: studiert Literarisches Schreiben in Leipzig. Schrieb 27 Forderungen an das Theater

Hannah Spielvogel