Ein Blick hinter die Fassade

Die meisten kennen das Astoria nur als Ruine am Hauptbahnhof. Dass das Hotel eine bewegte Geschichte mit einigen dunklen Kapiteln hat, lerne ich bei Astoria der Lecture Performance von Jonas Schönfeldt.

Seit 100 Jahren steht das Hotel schon in Leipzig. Damals als die Stadt noch als florierender Messestandpunkt galt, war das prunkvolle Hotel mit Bar und Tanzcafé das Highlight jedes Besuchers. Mit Aufkommen des dritten Reiches waren die glanzvollen Zeiten vorbei: Der jüdische Besitzer wurde enteignet und das Astoria im Krieg schwer beschädigt. Erst die DDR baute es wieder auf. Nach der Grundsanierung erlangte es seinen ehemaligen Ruf als Prunkbau schnell zurück. Doch der Schein trog. Das Astoria war nicht nur eines der edelsten Hotels des Landes, sondern auch Hochburg der Stasispitzelei. MitarbeiterInnen spähten KollegInnen und Gäste aus. Das Protokollführen wurde für manche Angestellten zum Zweitjob.

Das alles erfahren wir in einem filmischen Prolog, denn Astoria legt in seinem Hauptteil den Fokus auf die Stasivergangenheit. Gisela, eine reizende ältere Dame und ehemalige Mitarbeiterin am Astoria, betritt die Bühne und bildet den Kern der Aufführung. An Hand der Akte Rosmarie (so zumindest der Deckname) erzählt sie darüber, wie die Observationen abliefen. Neben den Beobachtungen von Rosmarie, erfahren wir durch Gisela einiges über sie selbst und den Arbeitsprozess der Inszenierung. Zum einen durch eingespielte Fragen von Jonas, zum anderen durch Projektionen von seinen Arbeitsnotizen. So erfahren wir welche Gedanken bei der Erarbeitung eine Rolle gespielt, welche umgesetzt und welche wieder verworfen wurden. Was beim ersten Mal wie ein technischer Fehler wirkt, hat Bestand und Sinn.
Insgesamt informiert Astoria gut über eine andere, unbekannte Seite des Hotels. Die Thematik ist spannend, doch Rosmaries Akte enttäuscht ein wenig. Man wünscht sich dunkle Geheimnisse, Geschichten von Spionage und KollaborateurInnen, Skandale die aufgedeckt werden. Ein bisschen mehr Drama! Doch Rosmaries Beobachtungen beschränken sich auf weiblichen Besuch mit dunklen Haaren, der sogar am Mittagstisch teilnimmt. Die Fantasie ist eben kreativer als die Realität. Doch wer weiß was noch alles im Astoria verborgen ist…

Dieses Jahr wurde das Hotel an einen neuen Investor verkauft, der wieder einen Hotelkomplex daraus machen möchte. Wer in einem Anflug von Abenteuerlust einen nächtlichen Einbruch wagen und das Hotel selbst erkunden möchte, dem bleibt nicht mehr viel Zeit. 😉

Maike Gomm

Thanatophobia – Keine Angst vor der Angst

Komplett durchnässt, aber hochmotiviert, habe ich es gerade noch rechtzeitig zum Westwerk geschafft. Trotz Gewitter, unverschämt vieler roter Ampeln, und Großsperrung mit SEK an der Eisenbahnstraße.

Alles für das INTROFestival
Alles für das INTROFestival ©Arne Bloch

Nun also Thanatophobia. Gleichermaßen atmosphärisch wie Alles was weiß ist Schnee und doch ein ganz anderes Format.

Ein dunkler Saal. Isolierte Plätze. Nebel. Klang. Ich spüre die Anwesenheit von Fremden hinter mir. Sie gehen zwischen den Stühlen entlang, eng an den Zuschauern vorbei. Ihre Glieder hängen leblos herab, wie tot.

Um den Tod soll es an diesem Abend auch gehen, genauer gesagt um die Angst davor. Die in dicke, schwarze Mäntel verpackten Menschen sind auf der Bühne angekommen und scharren sich um eine Glühbirne. Das Licht hat hier viele Bedeutungen, vor allem ist es das erste was die Angst vertreibt, nachdem man schweißgebadet aufgewacht ist. Erst einmal das Licht anmachen. Der Chor beginnt zu sprechen und wiederholt unablässig dasselbe Mantra: „Schaltet das Licht an. Atmet aus. Den Rücken an die Wand. Das Haar, durchnässt. Wasser perlt von der Stirn…“. In diesen Worten verliert man sich zunächst, nur um sich danach wiederzufinden, zurückgeworfen auf die eigenen Zweifel und Ängste. Es scheint hier gar nicht unbedingt um den Tod zu gehen, sondern viel mehr um die Angst und den eigenen Umgang damit. Denn was ist der Tod genau? Das Nichts, das Ungewisse und genau deswegen eignet er sich für das Publikum als Projektionsfläche.

Wir alle haben Angst. Angst, die sich durch ihre Unbestimmtheit von der Furcht unterscheidet. Man versucht ihr mit Argumenten beizukommen, doch es ist zwecklos. Der Chor bei Thanatophobia stellt genau diesen inneren Zwiespalt eines Phobikers aus. Seele vs. Verstand; Emotionen gegen Rationalität. Tatsächlich wechselt der Chor von der einen Stimmung in die Andere. Gerade noch im Schock mit der Aufarbeitung der Panikattacke beschäftigt, doziert er im nächsten Moment altklug über Angst und Tod. Dieser besserwisserische Teil des Chores stört zunächst, verstärkt jedoch auch die Sympathien für den emotionalen Teil. „Schaltet das Licht an, atmet aus, den Rücken an die Wand…“

Erst gegen Ende finden beide Parts zueinander. Ein Mitglied steigt aus dem Chor aus, reflektiert und hinterfragt was sie vorher besserwisserisch von sich gab. Die Versöhnung liegt irgendwo dazwischen. Ein Leben ohne Angst ist ebenso unmöglich, wie eines das nur aus ihr besteht. Statt Erlösung gibt es Verdrängung. So wie die Akteure sinnbildlich ihre Mäntel ablegen, so kann man versuchen, die eigene Angst abzulegen. Das ist wohl die einzige Möglichkeit, mit ihr umzugehen. Thantophobia ist kein Abend über die Angst vor dem Tod, sondern ein Abend über Angst. Und die haben wir alle.

Maike Gomm

Die Ruhe vor dem Sturm

Als notorisch überpünktlicher Mensch treffe ich fünfzehn Minuten zu früh in der Krudebude ein. Ausnahmsweise stellt sich das als lohnenswert heraus. So habe ich genügend Zeit, durch die Zimmer zu stöbern und die ausgestellten Gegenstände zu bestaunen. Das Ganze wirkt wie ein pittoresker Laden, ein Sammelsurium an Dingen. Ab und zu hört man sogar Vogelgezwitscher. Verschiedene Fundstücke reihen sich, fein säuberlich beschriftet, aneinander. Von einem Hufeisen (bringt Glück), über eine Blüte (riecht gut), bis hin zu einer angebrochenen Würstchenpackung (von Gartenmauer), gibt es einiges zu entdecken.

Eigentlich bin ich hier, um den Audiowalk Alles was weiß ist Schnee zu erleben. Nun geht es los, mit IPod ausgestattet werde ich hinuntergeschickt und auf ein Zeichen setze ich die Kopfhörer auf: Alles um mich herum verschwindet. Geräusche dringen auf mich ein. Rauschen aus allen Richtungen. Ist das die Tram, der Verkehr oder die Blätter der Bäume? Eine Stimme beginnt mit mir zu sprechen und macht mich auf Kleinigkeiten aufmerksam. Dort das Haus; wer wohl darin wohnt? Oder die Pflastersteine; ob sie wohl systematisch angeordnet sind? Die Stimme leitet mich auf eine Brücke. „Das was wir sehen, ist nicht immer die Wahrheit“, flüstert mir jemand ins Ohr. Im nächsten Moment fange ich eine Schneeflocke und spüre, wie sie in meiner Hand zerschmilzt.

Schritte. Zurück über den Fußgängerüberweg. Ich verliere mich in den Sounds und in den Bildern, die sie in meinem Kopf erzeugen. Ich spüre wie sich meine Wahrnehmung verschiebt. Merklich verändert sich mein Bewusstsein, meine Schritte werden langsamer, mein Atem tiefer. Die Umgebung nehme ich immer intensiver wahr. So ähnlich muss dieses Achtsamkeitstraining funktionieren, von dem man so viel hört. Der ganze Stress fällt von mir ab, ich entspanne mich. Trotz der Geräusche in meinen Ohren habe ich das Gefühl absoluter Ruhe. Auch, weil die Stimme mir immer wieder versichert, dass ich keine Kontrolle habe. Und vielleicht zum ersten Mal, bin ich froh darüber.

Weiter geht es durch die Straßen, an Plätzen vorbei, hinein in einen Park, bis ich schließlich in einem Innenhof zum Stehen komme. Das Gebäude mit seiner modernen Architektur verwandelt sich vor meinen Augen in eine Maschine, unzählige Zahnräder beginnen sich zu drehen. Diese Maschine hält alles am Laufen, aber für diesen einen Moment stehe ich außerhalb all dessen.

Dann beginnt das Gewitter. Blitz, Donner, Regen. Plötzlich prasseln dicke Wassertropfen auf mich herab, kein Fleck bleibt trocken. Schnell stelle ich mich unter das Dach und lausche der Stimme noch bis sie verstummt. Folgen tue ich ihr nicht mehr. Ich genieße meine letzten fünf Minuten Ruhe, bevor ich raus muss aus dieser Welt und hinein in den Sturm.

Schließlich nehme ich die Kopfhörer ab und sofort werde ich von der Realität überschwemmt, wie die Straßen von dem Regen. In einer halben Stunde muss ich bei der nächsten Aufführung am anderen Ende der Stadt sein. Der Regen wird nicht weniger und ich bin mit dem Fahrrad unterwegs. Schnell schnappe ich mir ein Regencape und schon bin ich wieder mitten drin.

Hier, liebe Kinder der 90er, die ihr nicht hören konntet was ich gehört habe, noch die passende musikalische Untermalung für den gestrigen Abend:

Maike Gomm

INTROPosium – Gina-Lisa, Musicals und Feminismus

An diesem schicksalhaften Freitag finde ich mich pünktlich um 12 Uhr in der Baustelle ein, um dem INTROPosium zu lauschen. Es ist relativ leer. Die meisten wollen bei 30° im Schatten wohl lieber am See rumgammeln und über den Brexit diskutieren. Egal: Mehr kühle Schauspielluft, gut aufbereitete Informationen und knallhart recherchierte Fakten für mich.

Tatsächlich fühle ich mich nach den zwei Vorträgen (getreu dem Intro-Motto) besonders gut in die Thematiken eingeführt. Eigentlich sind Bachelor- und Masterarbeitsverteidigungen selbst für Fachkundige schwer nachvollziehbar, sofern man die Arbeit nicht gelesen hat. Nicht so bei Lisannes Votrag Literally Anything Goes: Über Sexarbeiterinnen im amerikanischen Musicals des 20. Jahrhunderts.  Um zu verstehen, wie sie auf kluge und unterhaltsame Weise von Gina-Lisa Lohfink zu der Analyse dreier Frauenfiguren aus den Musicals Anything Goes, Gypsy und Rent kommt, muss man schon dabei gewesen sein. Dazwischen erfahre ich mehr zu dem kapitalismuskritischen Feminismus Laurie Pennys, darüber wie die Entstehung des Formats Musicals mit der Prohibition zusammenhängt und dass in Deutschland – im Gegensatz zu den USA – Musicals immer noch vorschnell in die reine Unterhaltungsschublade gesteckt werden. Lediglich die Konklusion bleibt schwammig. Bringen die Figuren revolutionäres Potential mit, oder bleiben sie in den ihnen zugeschriebenen Rollenbildern verhaftet? Klar ist nur: Das Musical ist nicht auf den Status der Unterhaltung zu reduzieren! Musicals können politische Themen ansprechen, zeigen und reflektieren. Nur in Bezug auf die Frauenfiguren braucht es im Musical (wie in den meisten Medien) noch ein bisschen Zeit. Folgendes wird trotzdem schon mal hinter die Ohren tätowiert: „Musical is not always entertainment, but always entertaining!“

Anschließend gibt Johannes Nitschke vom Gender Glossar einen guten Überblick über den Stand der Geschlechterforschung, bei dem sogar für die ein oder andere Genderseminarabsolventin[1] noch neue Informationen dabei sein dürften. Durch Fotos der Künstlerin Heather Cassils, bei denen man nicht mehr klar unterschieden kann, ob sie einen Mann oder eine Frau zeigen, wird schnell klar, dass Geschlecht weniger durch biologische Merkmale erkennbar ist, als durch gesellschaftlich konstruierte Zeichen. Abschließend wird  diskutiert und festgestellt wie lustig wikimanni.org ist. Zusammengefasst: Misogynistische Fake-Enzyklopädien sind vom Unterhaltungswert auf jeden Fall die neuen Epic-Fail-Videos. Nach diesen zwei Stunden geballtem Wissen geht es doch zum See. Die Zukunft der EU will schließlich auch noch verhandelt werden.

P.S. Liebe Lisanne, Herzlichen Glückwunsch zu deinem Masterabschluss! Vielleicht nimmst du mich demnächst mit ins Musical? Irgendwie hätte ich da mal wieder Lust drauf…

[1] Diese Artikel gendert übrigens im generischen Femininum.

Maike Gomm