Blau ist eine warme Perle

Ich bin zuhause.
Mein Nachbar kommt vorbei.
Wir trinken Moscow Mule, weil ich noch Vodka übrig habe.
Der muss weg.
Vodka mag niemand wirklich, aber wenn er da ist, dann muss er eben auch weg.
Wir reden über Feminismus.
Ich rede oft mit vielen Leuten über Feminismus, aber nur mit Leuten die eh schon meine Meinung teilen.
Wir reden darüber, wie man nur mit Leuten über Meinungen redet, die diese eh teilen.
Wir überlegen, wie man das aufbrechen könnte.
Wir finden keine Lösung und reden über Kanye West.
Mein Nachbar muss ins Bett, er packt es nicht mehr auf die Intro-Party.
Das ist ok.
Ich habe aber noch Vodka übrig, und meine restlichen Freunde kommen eh erst um 12.
Die kommen immer erst um 12 Uhr Nachts, meine Freunde.
Ich verabrede mich oft um acht, in der Hoffnung, wir würden dann wenigstens mal halb elf schaffen.
Das schaffen die aber auch nie.
Andererseits schaff ich das auch nie.
Was machen wir eigentlich den ganzen Tag?
Ich weiß es auch nicht.
Ich trinke Moscow Mule und schaue Youtube Videos über Nagellack.
Ich bin ein wenig angetrunken.
Ich wechsle nochmal mein komplettes Outfit.
Ich finde es doch blöd.
Ich entscheide mich wieder für das erst ausgewählte Outfit.
Auch eine Art, Zeit tot zu schlagen, denke ich mir.
Endlich ist viertel vor 12.
Ich fahre los.
Ich kaufe beim Späti noch Zigaretten.
Am Einlass sitzen zwei Freundinnen von mir.
Wir quatschen.
Ich hole mir ein Bier.
Ich treffe auf einen anderen Freund.
Wir quatschen.
Ich gehe wieder zum Einlass diesmal mit dem Freund.
Wir quatschen zu viert.
Ich gehe zu den Leuten die Intro veranstalten.
Wir quatschen, diesmal ist es deeper.
Es geht um Kunst.
Es geht um Bezahlung von Kunst.
Hauptsächlich geht es um die beschissene Bezahlung von Kunst, beziehungsweise um das nicht Vorhandensein genau dessen.
Scheiß Jobs, die wir uns da ausgesucht haben.
So ist das halt, wenn man sich selbst verwirklichen möchte.
Ich sehe einen Freund, der Geburtstag hat.
Ich wünsche ihm alles Gute zum Geburtstag.
Er sagt, 24 sein hilft auch nicht weiter.
Ich stimme ihm zu.
Ich sage, wird eh immer langweiliger älter zu werden.
Er stimmt mir zu.
Wir holen uns noch ein Bier an der Bar.
Ich treffe noch viele andere Leute.
Ich quatsche mit allen.
Ein Wust aus Menschen und quatschen.
Kay hat irgendwann einen Umhang an.
Ein seltsames Stück Stoff.
Er ist recht stolz darauf.
Er ist auch recht betrunken.
Ich bin auch recht betrunken.
Ich frage ihn woher der Stoff ist.
Es geht unter, ich erfahre nie woher das Stück Stoff ist.
Meine Mitbewohnerin kommt von einer anderen Party.
Sie ist fürchterlich betrunken.
Sie hat viele Farben im Gesicht und einen Pulli an, der nicht ihr gehört.
Sie erzählt uns lautstark, woher der Pulli kommt.
Niemand reagiert.
Sie erzählt mir nochmal, woher der Pulli kommt.
Ich sage Aha.
Kay erzählt irgendwem woher das Stück Stoff kommt.
Ich verpasse die Geschichte und frage ihn nochmal.
Er antwortet nicht sondern redet mit meiner Mitbewohnerin darüber woher der Pulli kommt.
Ein Freund verabschiedet sich.
Ich bin empört.
Er sagt er ist halt schon alt.
Es sei schon spät.
Er ist 21.
Er ist offensichtlich nicht alt.
Ich schaue auf die Uhr.
Es ist drei Uhr.
Es offensichtlich noch nicht spät.
Ich hole noch mehr Alkohol inklusive Schnaps.
Ich bin noch nicht zu alt! Denke ich mir.
Ich bin 24.
Das hilft auch nicht weiter.
Irgendjemand am Eingang will rein ohne zu bezahlen.
Ich halte ihn auf.
Ich bin sehr stolz und erzähle allen um mich rum, wie ich jetzt Türsteherin werde.
Niemand ist beeindruckt.
Sie dürfen trotzdem rein.
Nachbarn dürfen umsonst rein.
Egal ob Nachbarn oder nicht, alle sind sich einig das sie trotzdem doof sind.
Irgendjemand sagt, dass sie ja auch riesige Pupillen hatten.
Jaja, sagen alle.
Ich sage auch Ja.
Ich hab keine Ahnung wie groß ihre Pupillen waren.
Alle meine Freunde sind verschwunden bis auf zwei.
Es ist kalt.
Der Geburtstagsjunge ist in Kays Stück Stoff gehüllt.
Ich frage ihn, woher Kay das Stück Stoff hat.
Er sagt dass wir uns reinsetzen sollten, es ist kalt.
Er hat ja Recht.
Wir setzen uns rein.
Die Musik ist recht laut.
Ich realisiere, dass ich keine Sekunde getanzt habe.
Ich bereue das, denn es klingt super.
Aber ich bin zu betrunken.
Es ist fünf Uhr morgens.
Vielleicht bin ich langsam zu alt.
Ich muss ins Bett.
Ich stehe auf.
Meine Mitbewohnerin fragt, was ich mache.
Ich sage ich gehe aufs Klo.
Ich gehe aber nach Hause.
Ich hasse mich verabschieden.

Ich wache auf, und habe den Kater meines Lebens.
Gute Party.

Anmerkung: Der Stück Stoff von Kay kam aus einer Kiste, die er in der Nacht zuvor auf dem Boden gefunden hat. Ich hab ihn nüchtern nochmal gefragt. Es hat mich einfach nicht losgelassen. 

 

Louise Kenn

Louiseschreibtfueralle.com

Jungsrythmen-Reaktionen

Leute direkt nach einem Stück überfallen und versuchen ihre Emotion festzuhalten? Klingt anstrengend für das Publikum. Da ich aber keine Kosten und Mühe scheue, um Menschen auf die Nerven zu gehen, haben wir hier ein paar Publikumsreaktionen direkt in den ersten paar Minuten nach dem Stück Jungsrythmen, welches im Neuen Schauspiel aufgeführt wurde.

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Und jetzt studiert diese Gesichter. Sieht interessant aus? Eben.

Louise Kenn

Louiseschreibtfueralle.com

Nachtsichten im Zelt

„Ein Traum von Theaterstück“ möchte ich am liebsten als Überschrift schreiben. Aber das klingt pathetisch und deswegen lasse ich es lieber, obwohl es tatsächlich zutrifft.

Nachtsichten war alles, was man sich vom Theater wünscht. Es fällt mir schwer darüber zu schreiben, man sollte es einfach ganz schnell nochmal aufführen und dann alle Leute, die man kennt, hinschicken.
Ich werde jetzt trotzdem zusammenfassend etwas darüber berichten, und zwar auf die einzige Art und Weise die mir einfällt um zu verbildlichen wie toll es war. Nämlich in klassischer Buzzfeed Manier: Reaction-gifs. Aber sein wir mal ehrlich, im Internet habt ihr sowieso alle die Aufmerksamkeitsspanne eines dreijährigen auf dem Rummelplatz, mehr verkraftet ihr doch sowieso nicht.

Schauplatz Baustelle im Schauspiel Leipzig. In der Mitte des Raumes ist ein Tipi aus bunten Stoffen aufgebaut, ein kleineres Tipi leuchtet verspielt in der Ecke. Im großen Tipi, der Bühne, ist der Boden voller Teppiche, das Licht leuchtet in verschiedenen Farben an die Zeltwände, an die Decke wirft ein Beamer faszinierende visuelle Spielereien, Stühle stehen wie wahllos im Raum umher. Beim Eintreten bekommt jeder einen Kakao. Und alle so:

Das Stück beginnt, die Musik der Djane zieht einen in den Bann, die drei Schauspieler überzeugen schon nach den ersten Sätzen. Einer erzählt einen Traum, die anderen beiden analysieren ihn. Dabei wird sowohl Erzählung als auch Analyse des Traumes klischeehaft ins Lächerliche gezogen, und ist gleichzeitig dennoch als ernsthafte Thematik erkennbar. Sehr clever.

Alles ist unheimlich schön und spannend. Die Kostüme der Schauspieler, welche alle ein wenig an das Outfit des Lobby Boys in Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“ erinnern, sind toll, der Text ist toll, der Inhalt ist toll, und man erwischt sich wie man sich wünscht, dass jetzt irgendwas schief läuft, denn so viel tolles auf einmal kann das Gemüt gar nicht so richtig verarbeiten.

Es läuft nichts schief. Ohne dabei banal zu werden, werden die klassischen Geschehnisse in unseren Träumen thematisiert. Nackt am falschen Ort zu sein, Hinterfragen des Verhältnisses zu den Eltern, geheime sexuelle Verlangen und auch albtraumhafte Elemente werden eingebaut. Dabei spielt noch das gleichzeitige Suchen nach der Erklärung eines Gefühls im Traum, beziehungsweise das Wiederfinden dieses Gefühls eine zentrale Rolle, dargestellt mit Musik. Das Publikum bleibt gebannt.

 

Und irgendwann, mitten im Stück, ohne Vorwarnung, realisiert man: Wir befinden uns in dem Traum einer der Charaktere. Und während er noch auf der Suche nach seinem Traum ist, träumt er weiter, und alle im Traumzelt sind Teil davon.

 

Und wie es so oft ist bei Träumen, ist man kurz davor die Lösung zu finden, man kann sie fast schon greifen, alles begreifen, verstehen was passiert, aber der Wecker klingelt immer lauter und man muss einfach gehen, die ganze Lösung bleibt einem verwehrt. Und so endet auch das Stück Nachtsichten, der Suchende hört noch die Anfänge der richtigen Musik, die das richtige Gefühl heraufbeschwört, aber leider muss er gehen, aufstehen im echten Leben.

Das war ein sehr gutes Theaterstück. Applaus!

APPLAUS!!!

 

 

Louise Kenn

Louiseschreibtfueralle.com