Abendspaziergang durch die Hood

Schlendern, spazieren, lustwandeln, sich herumtreiben, flanieren. Sich die kleinen Unebenheiten im Kopfsteinpflaster ansehen. Etwaige schlecht verfugte Betonplatten mit Blicken tadeln. Nach Regenwürmern suchen, oder nach einem schmucken Löwenzahn. Aber auch nach oben schauen, den restaurierten Stuck an den Häuserfronten bewundern, oder im Himmel nach Wolken Ausschau halten, die aussehen wie Geschlechtsteile. Macht man doch alles viel zu selten. Hat man meistens auch gar keine Zeit und Muße für. Statt auf die Straße zu schauen, glotzen die Meisten lieber in ihre Handfläche. Man muss sich beim Laufen auf dem Laufenden halten, Nachrichten wollen gelesen und kommentiert werden, auf dem Weg zum Friseur, zum Finanzamt oder zum Urologen, Termine, Termine, nichts als Termine. Zeit, mal wieder ins Theater zu gehen, bleibt erst recht nicht. Und wenn man sich doch mal aufrafft, für vierzig Euro ein Billet löst und dem Kadaver etwas Kultur gönnt, ist einem nach vier Stunden Shakespeare der Hintern eingeschlafen. Was auch scheiße ist, denn davon bekommt man Krampfadern und die sehen nicht geil aus.

Beides vereinen müsste man, dann könnte man einfach mal gediegen einen Fuß vor den anderen setzen, und sich dabei noch kulturell verlustieren. Spazieren gehen mit Anleitung, sozusagen. Auch dazu haben sich the good people at intro etwas einfallen lassen: alles was weiß ist schnee führt einen via Kopfhörer einmal rund um den Stannebeinplatz im urigen Neuschönefeld. Die Odyssee beginnt im Projekthaus „krudebude“, in welchem die Fundstücke (Streichholzschachteln, Teile kaputter Fußbälle und viele weitere Schätze) feinsäuberlich etikettiert ausgestellt sind. Meine Begleiterin trage ich in einem MP3-Player mit mir herum. Mehrmals weißt sie mich darauf hin, dass ich mich doch bitte nicht überfahren lassen soll, was ziemlich süß von ihr ist. Sie flüstert von Dingen, die ich mir zu eigen machen soll, die Kiesel auf dem Weg, die Litfaßsäule, die Häuser, die bei genauerer Betrachtung auch Spielzeugkästen sein könnten. Sie führt mich auf die Brücke und zeigt mir die Aussicht auf die Gleislandschaft, die zum Hauptbahnhof vor der untergehenden Sonne führt. Urbane Postkartenromantik, ziemlich schöne sogar, nicht auf Instagram, sondern ungefiltert live.

Das es mitten in Neuschönefeld tatsächlich schöne Felder beziehungsweise Parks gibt, war mir auch noch nicht klar, hätte mich Sabrina, wie ich sie nenne, nicht dorthin geführt. Ich traumwandle durch ein Tor aus verwachsenen Linden und gelange auf eine Lichtung. Ein grillendes Pärchen auf einer Parkbank fragt sich wahrscheinlich, was mein LSD-Ticker mir da angedreht hat, wie ich mich da mit Kopfhörern auf dem Kopf im Kreis drehe und in den Himmel schaue. Dabei folge ich nur Sabrinas Empfehlungen.

Als sich die Expedition dem Ende neigt, stelle ich fest, dass ich tatsächlich kein einziges Mal falsch gelaufen bin. Tauglichkeit für interaktive dramatische Formen: Check! In der „krudebude“ ist man sichtlich erleichtert über meine Rückkehr in wohlbehaltenem Zustand. Wie von Sabrina gewünscht habe ich auch etwas mitgebracht, eine leere Schachtel Zigarillos der Marke „Matrix“ a.k.a „Netto`s Finest“. Das knallige Orange gefällt mir. Ein kleines bisschen wie die Sonne über dem Hauptbahnhof.

 
Kay Schier