Outro, Mois

Was die Vice kann, können wir schon lange in geiler. Hier nun also der ultimative Gentrifizierungs- und Partyreport zum verlinken auf deinem tumblr-Blog. Falls man da Artikel verlinkt. Ich hoffe es. Verlink meine Artikel. Bitte. Kriegst ein Shoutout.

Es ist gar nicht so lange her, da war die Glasfront der „Blauen Perle“ noch nicht mit zwei großflächigen Graffiti bedeckt. Der übliche Wust sicherlich gut gemeinter Tags spottete zuvor in üblicher Weise jedwedem künstlerischen Anspruch. Die zwei neuen großformatigen Stücke stellen eine erfreuliche Annäherung an westdeutsche Sprüherklasse dar, wie sie etwa der Düsseldorfer „RS“ verkörpert (Shoutout an dieser Stelle geht raus im Namen von Intro). Eine Seltenheit in Leipzig-West. Chapeau! Es ist zudem gar nicht so lange her, da machte die „Blaue Perle“ dem „Am Kanal“ und der „Galaxy Bar“ scharfe Konkurrenz um den Titel des urigsten Alkoholikertreffs Lindenaus (die Sitzbänke am Lindenauer Markt laufen außerhalb des Wettbewerbs). Saubere Glasscheiben zeigten gerade gewachsene Yuccapalmen und nicht ganz so gerade Existenzen.

Das war einmal. Irgendwer muss auf den Trichter gekommen sein, dass sich in den heutigen Zeiten mit desillusionierten Soziologiestudenten, Bloggern, Amateur-DJs und sonstigen Teilzeitalkoholikern ein größerer Reibach machen lässt als mit realsozialistisch gestählten Vollzeitalkoholikern. Da das „Am Kanal“ durch den vorzüglichen Schnitzelteller, das Fassbier zu fairen Preisen und den vorbildlichen, familiären Service (Shoutout an dieser Stelle geht raus im Namen von Intro) mittlerweile sehr gut besucht ist und nicht mehr als Geheimtipp gelten kann, bleibt nur noch die Galaxy Bar für diejenigen, die das real eastern germany experience of 1985 suchen. Der Rest war Samstagabend in der Blauen Perle, um mit Intro das Outro zu feiern.

Als ich ankomme, haben die Bands die Temperatur im Innenraum auf gefühlte 35 Grad aufgeheizt. An der Bar muss ich mir die Frage anhören, warum ich das Bier für den halben Preis bekommen sollte. Die Antwort „Ich bin der Blogger von Intro“ geht mir mittlerweile wie selbstverständlich über die Lippen. Schade, dass ich ihn nach heute Abend nicht mehr benutzen kann.

Draußen im Biergarten ist Rumgesitze, Gerede und Getrinke. Lässige Leute, lässige Sprüche, lässiger Gedankenaustausch über Postkolonialismus und Kokain. Man kennt es. Zwei Typen in Ganzkörpertierkostümen kreuzen auf. Ich bekomme weiche Knie, denn zunächst halte ich sie für die beiden Gitarristen der Leipziger Undergroundhelden Radium Palace (Shoutout an dieser Stelle geht raus im Namen von Intro). Jedoch spielt keiner von ihnen Gitarre, als hätten Jimi Hendrix` Geist und Les Claypool ein uneheliches Kind gezeugt und von Wölfen großziehen lassen, deswegen muss es sich um eine Verwechslung handeln.

Zum Glück spielt auch sonst keiner Gitarre. Im Kreis um einen klampfenden Typen sitzende Gruppen sind mir auf Partys ein Graus. Ein Trauma von früher, das erinnert mich an Abende am Rhein, an denen ein beliebiger Schmock aus der Parallelklasse mit Wollmütze und Emofrisur am Lagerfeuer die ersten drei Akkorde von „Wonderwall“ spielt, während die mischbiertrunkenen Mädchen mit einer Mischung aus Ehrfurcht und unzähmbarem Begehren an seinen Lippen hängen. Harte Jahre waren das. Oder hatte jemand schon mal Sex, weil er einem Mädchen am Lagerfeuer eine Kurzgeschichte vorliest? Auf jeden Fall nicht ich mit 16. Fünf Jahre später bin ich immer noch zu faul, um Gitarre zu lernen. Stattdessen schreibe ich keine Kurzgeschichten mehr, sondern blogge. Klarer Fall von selbst Schuld.

Die Stunden gehen ins Land. Ich werfe mir einen blau-silbernen Vorhang um die Schultern, um darunter einen Beutel voller Bier, Pfeffi und Joints in die Blaue Perle zu schmuggeln. Ich kann Louise (Shoutout etc. (Gag ist durch, aber ich wollt`s nochmal sagen)) jedoch bei unserem Pegelstand nicht erklären, woher ich den habe. Den Umhang, nicht den Beutel. Wichtig ist, dass er ziemlich cool aussieht. In Paris und Mailand trägt man gerade nichts anderes. Ich verteile den Beutelinhalt, um die allgemeine Dichtheit zu forcieren.  Das funktioniert, für mich auf jeden Fall, ziemlich gut. Und somit auch irgendwie für alle anderen, denn wenn ich happy bin, geh ich mal schwer davon aus, dass das bei den meisten anderen auch der Fall sein wird. Oder wie mir ein weiser Goahippie am Lagerfeuer mal sagte: Du musst dich selbst heilen, um dein Umfeld zu heilen. Drinnen läuft zwischendurch „What is Love“ von Haddaway, wobei mir auffällt, dass ich Eminem immer noch nicht ganz dafür vergeben habe, dass er das in „No Love“ gesampled hat. Zudem stinkt der Song gegen den gleichnamigen von Death Grips (S/O) massiv ab. In diesem Kontext, im Äußeren wie im Inneren, passt er aber.

Es passt generell alles am Abend. Und er endet da, wo das Intro angefangen hat: Im Institut für Zukunft. Über den Morgen hüllt sich der Mantel des Schweigens. Bis zum nächsten Jahr.

Kay Schier

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INTRO

Das INTRO aus Performance, Kunst und theatraler Vielfalt! Vom 18. - 26. Juni 2016 in Leipzig.

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