Die Ruhe vor dem Sturm

Als notorisch überpünktlicher Mensch treffe ich fünfzehn Minuten zu früh in der Krudebude ein. Ausnahmsweise stellt sich das als lohnenswert heraus. So habe ich genügend Zeit, durch die Zimmer zu stöbern und die ausgestellten Gegenstände zu bestaunen. Das Ganze wirkt wie ein pittoresker Laden, ein Sammelsurium an Dingen. Ab und zu hört man sogar Vogelgezwitscher. Verschiedene Fundstücke reihen sich, fein säuberlich beschriftet, aneinander. Von einem Hufeisen (bringt Glück), über eine Blüte (riecht gut), bis hin zu einer angebrochenen Würstchenpackung (von Gartenmauer), gibt es einiges zu entdecken.

Eigentlich bin ich hier, um den Audiowalk Alles was weiß ist Schnee zu erleben. Nun geht es los, mit IPod ausgestattet werde ich hinuntergeschickt und auf ein Zeichen setze ich die Kopfhörer auf: Alles um mich herum verschwindet. Geräusche dringen auf mich ein. Rauschen aus allen Richtungen. Ist das die Tram, der Verkehr oder die Blätter der Bäume? Eine Stimme beginnt mit mir zu sprechen und macht mich auf Kleinigkeiten aufmerksam. Dort das Haus; wer wohl darin wohnt? Oder die Pflastersteine; ob sie wohl systematisch angeordnet sind? Die Stimme leitet mich auf eine Brücke. „Das was wir sehen, ist nicht immer die Wahrheit“, flüstert mir jemand ins Ohr. Im nächsten Moment fange ich eine Schneeflocke und spüre, wie sie in meiner Hand zerschmilzt.

Schritte. Zurück über den Fußgängerüberweg. Ich verliere mich in den Sounds und in den Bildern, die sie in meinem Kopf erzeugen. Ich spüre wie sich meine Wahrnehmung verschiebt. Merklich verändert sich mein Bewusstsein, meine Schritte werden langsamer, mein Atem tiefer. Die Umgebung nehme ich immer intensiver wahr. So ähnlich muss dieses Achtsamkeitstraining funktionieren, von dem man so viel hört. Der ganze Stress fällt von mir ab, ich entspanne mich. Trotz der Geräusche in meinen Ohren habe ich das Gefühl absoluter Ruhe. Auch, weil die Stimme mir immer wieder versichert, dass ich keine Kontrolle habe. Und vielleicht zum ersten Mal, bin ich froh darüber.

Weiter geht es durch die Straßen, an Plätzen vorbei, hinein in einen Park, bis ich schließlich in einem Innenhof zum Stehen komme. Das Gebäude mit seiner modernen Architektur verwandelt sich vor meinen Augen in eine Maschine, unzählige Zahnräder beginnen sich zu drehen. Diese Maschine hält alles am Laufen, aber für diesen einen Moment stehe ich außerhalb all dessen.

Dann beginnt das Gewitter. Blitz, Donner, Regen. Plötzlich prasseln dicke Wassertropfen auf mich herab, kein Fleck bleibt trocken. Schnell stelle ich mich unter das Dach und lausche der Stimme noch bis sie verstummt. Folgen tue ich ihr nicht mehr. Ich genieße meine letzten fünf Minuten Ruhe, bevor ich raus muss aus dieser Welt und hinein in den Sturm.

Schließlich nehme ich die Kopfhörer ab und sofort werde ich von der Realität überschwemmt, wie die Straßen von dem Regen. In einer halben Stunde muss ich bei der nächsten Aufführung am anderen Ende der Stadt sein. Der Regen wird nicht weniger und ich bin mit dem Fahrrad unterwegs. Schnell schnappe ich mir ein Regencape und schon bin ich wieder mitten drin.

Hier, liebe Kinder der 90er, die ihr nicht hören konntet was ich gehört habe, noch die passende musikalische Untermalung für den gestrigen Abend:

Maike Gomm

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INTRO

Das INTRO aus Performance, Kunst und theatraler Vielfalt! Vom 18. - 26. Juni 2016 in Leipzig.

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