„leipzig ist die glücklichste zeit“ – schernikaus kleinstadtnovelle im lofft

als die lektorin des rotbuch-verlags ende der siebziger jahre das manuskript der kleinstadtnovelle las, hielt sie schernikaus alter für eine lüge: aus marxzitaten, werbeslogans, literaturwissenschaftlichen abhandlungen, spickzetteln und bürokratensprache hatte er bereits mit neunzehn jahren einen text zusammengefügt, den kritiker als vorboten der postmodernen achtziger sehen. der protagonist b. seziert darin scharfsinnig das verhalten der lehrer und mitschüler seines gymnasiums: während er den lateinlehrer für dessen latenten militarismus kritisiert, konstatiert er bei seinen klassenkameraden politisches desinteresse. diese sind in b.s augen so angepasst, dass sie „für gute noten durch brennende reifen springen“. viel schlimmer sind für b. allerdings lehrer, die sich liberal geben, im ernstfall aber nicht für ihre überzeugungen einstehen. deutlich wird dies im umgang des lehrerkollegiums mit b.s homosexualität: am ende der novelle wird b. der schule verwiesen mit der begründung, er habe seinen mitschüler leif über wochen verführt. b. beginnt schließlich ein neues leben in berlin.

schernikaus reife als autor zeigte sich darin, dass seine novelle nicht eine einseitige anklage des schulsystems blieb. humorvoll und kritisch beleuchtet b. seine eigenen schwächen und sehnsüchte, seine überheblichkeit und unreife. auch gibt es in der engen beziehung b.s zu seiner mutter lea deutliche bezüge zu schernikaus biographie: 1960 in magdeburg geboren, floh er 1966 mit seiner mutter ellen nach westdeutschland. dort mussten die beiden feststellen, dass ihr ehemann / vater bereits eine neue familie gegründet hatte. sie zogen daraufhin zu zweit nach lehrte in der nähe von hannover, wo sie bis zu schernikaus abitur gemeinsam wohnten. aufgrund seiner ostdeutschen herkunft und seiner sozialistischen überzeugungen stand schernikau der brd kritisch gegenüber. seit 1976 war er mitglied der deutschen kommunistischen partei (dkp) und auch während seiner studienzeit engagierte er sich in der sozialistischen einheitspartei westberlin (sew). ohne ein unmittelbares, teils auch enervierendes politisches engagement hielt es schernikau für illegitim, als schriftsteller zu arbeiten. auch in seinen literatur thematisierte er politische überzeugungen und utopien, war aber weit davon entfernt, agitprop-texte zu verfassen:

„politik ist kaum literaturfähig. politik ist langweilig. der satz, die revolution muss kommen, ist kaum literaturfähig. auch weil jeder weiß, dass er stimmt. man kann literatur nicht über ein thema machen, das unumstritten ist.“

an anderer stelle ergänzt er ironisch:

„ich bin egoist, und ich glaube, ohne so ne gesunde portion was-wird-aus-mir kann man keine gute kunst machen. und was-wird-aus-mir, das heißt in meinem fall: wie kriege ich aus meinem leben den besten text raus?“

Schernikau
die gedenktafel an schernikaus ehemaliger wohnung in der leipziger universitätsstraße


die besten deutschsprachigen texte brachten seiner meinung nach schriftsteller in der ddr hervor. die option, selbst in die ddr auszuwandern, wurde für ihn im lauf der achtziger jahre immer attraktiver: nachdem ihm die kleinstadtnovelle zunächst den status eines erfolgreichen jungautors beschert hatte, fanden seine folgewerke in westdeutschland keine verleger mehr. um überleben zu können, arbeitete schernikau als babysitter, seine texte verlegte er selbst. ein leben als schriftsteller in der ddr garantierte ihm finanzielle sicherheit, selbst wenn seine texte aus politischen gründen nicht verlegt werden sollten. doch waren es nicht nur materielle gründe, die schernikau in die ddr zogen: für ihn wurden in der brd gesellschaftliche veränderungen kaum noch wahrgenommen, die ddr erschien ihm für subversive aktivitäten sensibler. auch reizte schernikau die künstlerische auseinandersetzung mit der ddr-staatsführung. nachdem im jahr 1986 ein kulturabkommen zwischen ddr und brd geschlossen wurde, begann schernikau ein studium am literaturinstitut johannes r. becher in leipzig (das heutige deutsche literaturinstitut leipzig). die drei jahre in leipzig bezeichnete er rückblickend als seine glücklichste zeit. zwar war für ihn der unterricht am institut wenig inspirierend, doch schätzte er die möglichkeit sich zeit für eigene texte zu nehmen.


erstaunlicherweise besuchte der atheist schernikau während seiner zeit in leipzig jeden freitag den gottesdienst in der thomaskirche. gott war für ihn die projektion des ideals einer herrschaftsfreien gesellschaft. in der musik des thomanerchors wurde dieses ideal für ihn sinnlich erfahrbar. eine herrschaftsfreie gesellschaft beinhaltete für schernikau aber auch einen freien umgang mit dem thema sexuelle identität. in der kleinstadtnovelle wandte er sich beispielsweise gegen die konventionelle vorstellung von starren sexuellen identitäten, was sich gleich zu beginn in b.s gedanken vor dem aufwachen zeigt:
„ich habe angst. bin weiblich, bin männlich, doppelt. fühle meinen körper sich von meinem körper entfernen, sehe meine weißen hände, die augen im spiegel, ich will nicht doppelt sein wer bin ich? will ich sein, männlich, weiblich, sehe nur weiß. ich stehe mir gegenüber, will mich erreichen, strecke meine arme nach mir aus wo bin ich? ich sehe, küsse, umarme und vereinige mich.“
auch in der inhaltlichen auseinandersetzung während der inszenierungsarbeit standen die fragen nach sexueller identität im vordergrund: welcher druck geht von bestehenden rollenbildern aus? warum sind menschen verunsichert, wenn ihre gefühle nicht in unumstrittene normen passen? und warum können viele menschen ihre sexualität nicht als etwas offenes und gestaltbares erleben?

einen wichtigen impuls hierzu lieferte ein interview mit dem französischen philosophen michel foucault. darin beschreibt er sexualität als einen selbstbestimmten, kreativen prozess, durch den rollenbilder und beziehungen neu definiert werden können:

„Sexualität ist Teil unseres Verhaltens. Sie ist Teil unserer Freiheit. Sexualität ist etwas, was wir selbst schaffen – sie ist unsere eigene Kreation und viel mehr als das Aufdecken einer geheimen Seite unseres Begehrens. Wir müssen verstehen, daß in und durch unsere Begehren hindurch neue Formen von Beziehungen verlaufen, neue Formen der Gestaltung. Sex ist kein Schicksal; es ist eine Möglichkeit das Leben zu gestalten.“

die tragik der kleinstadtnovelle liegt darin, dass b. und leif sich zunächst einen raum schaffen, in dem sie diese möglichkeit ausprobieren, leif diese möglichkeit aber zunehmend angst macht. er sucht den weg zurück in eine (heterosexuelle?) normalität, ob ihm dies gelingt bleibt offen. überhaupt bleibt leifs perspektive auf das geschehen in schernikaus erzählung eine leerstelle: während man sehr unmittelbaren anteil an b.s. innenleben nimmt, lernt man leif ausschließlich aus b.s. perspektive kennen. in einem kollektiven arbeitsprozess wurden leifs leerstellen untersucht und durch neu entwickelte texte gefüllt. dennoch bleibt b.s. frage „wer ist leif?“ auch in dieser inszenierung am ende notwendigerweise unbeantwortet. ausgehend von oft sehr kurzen, fragmenthaften szenen in schernikaus vorlage wurden auch die die figuren von tim (bester freund von leif) und liane (beste freundin von b.) in der arbeit mit dem ensemble neu erfunden.

eine erfreuliche begegnung ergab sich während des gastspiels der kleinstadtnovelle beim hart-am-wind-festival in hamburg: schernikaus mutter ellen sah sich dort die vorstellung an und unterhielt sich im anschluss mit dem ensemble. dabei entstand auch das folgende interview mit ihr und regisseur moritz beichl: https://youtu.be/QpvB6nexFak

Maximilian Enderle
Dramaturgie kleinstadtnovelle

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INTRO

Das INTRO aus Performance, Kunst und theatraler Vielfalt! Vom 18. - 26. Juni 2016 in Leipzig.

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