Nachtsichten im Zelt

„Ein Traum von Theaterstück“ möchte ich am liebsten als Überschrift schreiben. Aber das klingt pathetisch und deswegen lasse ich es lieber, obwohl es tatsächlich zutrifft.

Nachtsichten war alles, was man sich vom Theater wünscht. Es fällt mir schwer darüber zu schreiben, man sollte es einfach ganz schnell nochmal aufführen und dann alle Leute, die man kennt, hinschicken.
Ich werde jetzt trotzdem zusammenfassend etwas darüber berichten, und zwar auf die einzige Art und Weise die mir einfällt um zu verbildlichen wie toll es war. Nämlich in klassischer Buzzfeed Manier: Reaction-gifs. Aber sein wir mal ehrlich, im Internet habt ihr sowieso alle die Aufmerksamkeitsspanne eines dreijährigen auf dem Rummelplatz, mehr verkraftet ihr doch sowieso nicht.

Schauplatz Baustelle im Schauspiel Leipzig. In der Mitte des Raumes ist ein Tipi aus bunten Stoffen aufgebaut, ein kleineres Tipi leuchtet verspielt in der Ecke. Im großen Tipi, der Bühne, ist der Boden voller Teppiche, das Licht leuchtet in verschiedenen Farben an die Zeltwände, an die Decke wirft ein Beamer faszinierende visuelle Spielereien, Stühle stehen wie wahllos im Raum umher. Beim Eintreten bekommt jeder einen Kakao. Und alle so:

Das Stück beginnt, die Musik der Djane zieht einen in den Bann, die drei Schauspieler überzeugen schon nach den ersten Sätzen. Einer erzählt einen Traum, die anderen beiden analysieren ihn. Dabei wird sowohl Erzählung als auch Analyse des Traumes klischeehaft ins Lächerliche gezogen, und ist gleichzeitig dennoch als ernsthafte Thematik erkennbar. Sehr clever.

Alles ist unheimlich schön und spannend. Die Kostüme der Schauspieler, welche alle ein wenig an das Outfit des Lobby Boys in Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“ erinnern, sind toll, der Text ist toll, der Inhalt ist toll, und man erwischt sich wie man sich wünscht, dass jetzt irgendwas schief läuft, denn so viel tolles auf einmal kann das Gemüt gar nicht so richtig verarbeiten.

Es läuft nichts schief. Ohne dabei banal zu werden, werden die klassischen Geschehnisse in unseren Träumen thematisiert. Nackt am falschen Ort zu sein, Hinterfragen des Verhältnisses zu den Eltern, geheime sexuelle Verlangen und auch albtraumhafte Elemente werden eingebaut. Dabei spielt noch das gleichzeitige Suchen nach der Erklärung eines Gefühls im Traum, beziehungsweise das Wiederfinden dieses Gefühls eine zentrale Rolle, dargestellt mit Musik. Das Publikum bleibt gebannt.

 

Und irgendwann, mitten im Stück, ohne Vorwarnung, realisiert man: Wir befinden uns in dem Traum einer der Charaktere. Und während er noch auf der Suche nach seinem Traum ist, träumt er weiter, und alle im Traumzelt sind Teil davon.

 

Und wie es so oft ist bei Träumen, ist man kurz davor die Lösung zu finden, man kann sie fast schon greifen, alles begreifen, verstehen was passiert, aber der Wecker klingelt immer lauter und man muss einfach gehen, die ganze Lösung bleibt einem verwehrt. Und so endet auch das Stück Nachtsichten, der Suchende hört noch die Anfänge der richtigen Musik, die das richtige Gefühl heraufbeschwört, aber leider muss er gehen, aufstehen im echten Leben.

Das war ein sehr gutes Theaterstück. Applaus!

APPLAUS!!!

 

 

Louise Kenn

Louiseschreibtfueralle.com

Veröffentlicht von

INTRO

Das INTRO aus Performance, Kunst und theatraler Vielfalt! Vom 18. - 26. Juni 2016 in Leipzig.

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