NOCTURNO/ Warm-Up-Party

 

Schnell merke ich, dass heute etwas anders ist als sonst. Um acht Uhr abends in der Schlange vor dem IfZ zu stehen, fühlt sich arg verfrüht an. Die dort verbrachte Zeit reicht, wieder untypisch, kaum für eine Zigarette. Am Eingang werde ich nicht auf Drogen, Glasflaschen oder waffenfähiges Plutonium kontrolliert. Die Toiletten sind sehr sauber. Was ist hier los?

Das IfZ einmal in einem anderen Licht, lautet das Motto. Oder auf dramaturgisch: Das Institut für Zukunft rekontextualisiert. Die Beleuchtung, die zum Einsatz kommt, ist schließlich dieselbe wie immer. Der Anlass des Besuchs der ehrwürdigen Hallen aber ein besonderer: Die Aufführung von NOCTURNO gibt den Startschuss zum INTRO-Festival.

Das Stück basiert auf Texten und Teilen der Biographie Roberto Bolaños. Lange von der Öffentlichkeit unbeachtet, brachte es der chilenische Schriftsteller wenige Jahre vor seinem Tod 2003 mit Romanen wie „Los detectives salvajes“ oder dem posthum erschienenen „2666“ zu Weltruhm. 13 Jahre danach gilt er immer noch als eine der wichtigsten Stimmen der jüngeren Südamerikanischen Literatur. Die Inszenierung greift eine der prägendsten Erfahrungen des Autors auf: Bolaño, der den Großteil seiner Jugend in Mexiko verbrachte, kehrte 1973 in seine Heimat zurück, mit – wie sich herausstellen sollte – sensationell schlechtem Timing: Im selben Jahr putschte Augusto Pinochet mit freundlicher Unterstützung der CIA gegen den sozialistischen Hoffnungsträger Salvador Allende. Unmittelbar nach seiner Machtergreifung begann die Verfolgung seiner politischen Gegner. Im Zuge dessen geriet auch Bolaño als Unterstützer Allendes in die Fänge von Pinochets Folterknechten. Anders als vielen anderen gelang es ihm jedoch, nach achttägiger Gefangenschaft mit Hilfe von Freunden das Land zu verlassen.

Ein Stück über die Grausamkeit von Menschen gegenüber Menschen also. Passenderweise erinnert der Haupttrakt des IfZ, die mutmaßliche Bühne, mit seinen gefliesten Wänden und den Industrielampen an ein Schlachthaus. Doch so einfach macht man es dem Zuschauer nicht. Nach einer Einführung zur Person des Autors über Lautsprecher pumpt wie gehabt Techno durch die Kirsch Audio. Schön anzusehen ist der Moment, in dem das Publikum versteht und sich wie auf Kommando in Bewegung setzt. Es gilt, die Katakomben zu erkunden.

Auf dem Weg zur Bar werde ich von einer jungen Dame an der Hand genommen. Wird schon seine Richtigkeit haben, denke ich mir. Sie führt mich zum Darkroom, begleitet mich aber nicht mit hinein. Ich taste mich durch das Dunkel mit der Gewissheit, dass da gleich noch etwas kommt, dass ich nicht weiß, aus welcher Ecke es kommt, und dass es nicht schön sein wird. Als ich herauskomme, bin ich um eine verstörende, menschliche, theatralische Erfahrung reicher. Mir schaudert bei der Vorstellung, dass Leute in dieser Folterkammer Sex haben.

Das Stück erweist sich als – obacht! – multimediale dramatische Installation. Von Schauspielern wird wenig gespielt, vom Zuschauer dafür umso mehr. Der Industriekeller wird zu einem Point-and-Click- Adventure, untermalt mit hartem Techno, in dem wir uns die Teile selbst zusammensuchen müssen. Zu finden sind sie in Form von Gesprächen, Monologen und Telefonaten in dunklen Nischen, auf Leinwänden und versteckten MP3-Playern. Theater ist hier eine Sache des Selbermachens, auch des selber Denkens, wenn es um die Verknüpfung der dramatischen Schnipsel geht, was sich von einem konventionellen Theaterabend wohltuend unterscheidet. Tatsächlich hätte aber ein wenig mehr roter Faden, etwas mehr Anleitung dem Projekt gut getan. So bin ich mir sicher, dass ich in einem Paralleluniversum zwei Stunden an der Bar saß und mich gefragt habe, wann es denn jetzt eigentlich losgeht. Mit den einzelnen Fragmenten lose nebeneinander ist das Ganze hier die Summe seiner Teile.

Zum Abschluss überführen zwei Dragqueens, im Stück Polizisten und Bolaños Peiniger, mit einer letzten Szene die Zuschauer in den Partyteil des Abends. Der Satz „Was hat denn irgend ein Flüchtling davon, wenn ich keinen Spaß habe?“ leert den Dancefloor allerdings schneller als ein Gabber-Remix von „Atemlos durch die Nacht“. In der Folge bleibt es vor dem DJ-Pult auch zu leer, um wirklich exzessive Stimmung aufkommen zu lassen. Eine halbe Stunde lang sind dort nur ein Kiffer, ein altgedienter Raver, der rein aus Prinzip Freitags ins IfZ geht, und ich. Als ich mich frage, ob wir wirklich nur noch zu dritt sind, gehe ich an die Bar, und sehe dort alle herumlungern. Klar ist es früh und die Nacht noch lang, das Leben aber wiederum kurz und die Musik geil, und die Leute könnten sicher auch beim Tanzen an ihrem Bier nuckeln. Ich bin für reglementierte Sitzzeiten auf Partys, fünf Minuten in der Stunde müssen reichen. Wer die dreimal an einem Abend überschreitet, bekommt Raveverbot. Es böte sich dem IfZ die Möglichkeit, vor dem Hintergrund der kriselnden Weltwirtschaft einen Arbeitsplatz zu schaffen und einen Partyordner anzustellen, der dafür sorgt, dass die Leute auch ordentlich feiern. Leider habe ich aber kein Megafon dabei, um meine Ideen zu verkünden. Stattdessen lungere ich herum und nuckle an meinem Bier.

Nach Mitternacht beginnt sich der Tanzflur langsam, ganz langsam zu füllen. Der altgediente Raver zieht weiterhin seine Kreise um die Säule, nach ca. 15 Minuten hat er sie jeweils tanzend umrundet. Alle DJs spielen starke Sets, ich bekomme einen miesen Ohrwurm von diesem einen Track, du weißt schon welchen ich meine. Danke dafür. Jedoch erlahme ich schließlich, merke, dass ich selber nicht mehr Party nach Vorschrift mache, und entlasse mich hinaus aus Nocturno selbst in die Nacht. Cool wars.

Kay Schier

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INTRO

Das INTRO aus Performance, Kunst und theatraler Vielfalt! Vom 18. - 26. Juni 2016 in Leipzig.

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