Danke.

merciDas INTRO-Festival – unser Herzensprojekt, unser Neubeginn – ist nun Geschichte.

10 Tage voller neuer Begegnungen, Interaktion, Vielseitigkeit, Theater, Musik, Diskurs, Partys und..allem anderen. Wir können es noch nicht so recht fassen, verdrücken ein Tränchen und sagen erst mal nur noch DANKE. DANKE allen, die uns unterstützt haben und mit uns Lust auf Neues hatten. Und ein besonderes Dankeschön an Bayan, Kay, Louise & Maike für ihre vielseitige Berichterstattungen. Ihr habt das INTRO-Panorama um eure Perspektiven bereichert!

INTRO²
NOCTURNO
NACHTSICHTEN
32,7 m/s
JUNGSRHYTHMEN
ASTORIA
alles was weiß ist schnee
INTROPosium: Literally Anything Goes
THANATOPHOBIA
INTROCINE
OPEN STAGE
STIPPVISITE
lang ersehntes
kleinstadtnovelle
Workshop Werkstattmacher
BLICKWECHSEL
OUTRO

Das INTRO ist erschallt. Und das Echo bleibt.

Blau ist eine warme Perle

Ich bin zuhause.
Mein Nachbar kommt vorbei.
Wir trinken Moscow Mule, weil ich noch Vodka übrig habe.
Der muss weg.
Vodka mag niemand wirklich, aber wenn er da ist, dann muss er eben auch weg.
Wir reden über Feminismus.
Ich rede oft mit vielen Leuten über Feminismus, aber nur mit Leuten die eh schon meine Meinung teilen.
Wir reden darüber, wie man nur mit Leuten über Meinungen redet, die diese eh teilen.
Wir überlegen, wie man das aufbrechen könnte.
Wir finden keine Lösung und reden über Kanye West.
Mein Nachbar muss ins Bett, er packt es nicht mehr auf die Intro-Party.
Das ist ok.
Ich habe aber noch Vodka übrig, und meine restlichen Freunde kommen eh erst um 12.
Die kommen immer erst um 12 Uhr Nachts, meine Freunde.
Ich verabrede mich oft um acht, in der Hoffnung, wir würden dann wenigstens mal halb elf schaffen.
Das schaffen die aber auch nie.
Andererseits schaff ich das auch nie.
Was machen wir eigentlich den ganzen Tag?
Ich weiß es auch nicht.
Ich trinke Moscow Mule und schaue Youtube Videos über Nagellack.
Ich bin ein wenig angetrunken.
Ich wechsle nochmal mein komplettes Outfit.
Ich finde es doch blöd.
Ich entscheide mich wieder für das erst ausgewählte Outfit.
Auch eine Art, Zeit tot zu schlagen, denke ich mir.
Endlich ist viertel vor 12.
Ich fahre los.
Ich kaufe beim Späti noch Zigaretten.
Am Einlass sitzen zwei Freundinnen von mir.
Wir quatschen.
Ich hole mir ein Bier.
Ich treffe auf einen anderen Freund.
Wir quatschen.
Ich gehe wieder zum Einlass diesmal mit dem Freund.
Wir quatschen zu viert.
Ich gehe zu den Leuten die Intro veranstalten.
Wir quatschen, diesmal ist es deeper.
Es geht um Kunst.
Es geht um Bezahlung von Kunst.
Hauptsächlich geht es um die beschissene Bezahlung von Kunst, beziehungsweise um das nicht Vorhandensein genau dessen.
Scheiß Jobs, die wir uns da ausgesucht haben.
So ist das halt, wenn man sich selbst verwirklichen möchte.
Ich sehe einen Freund, der Geburtstag hat.
Ich wünsche ihm alles Gute zum Geburtstag.
Er sagt, 24 sein hilft auch nicht weiter.
Ich stimme ihm zu.
Ich sage, wird eh immer langweiliger älter zu werden.
Er stimmt mir zu.
Wir holen uns noch ein Bier an der Bar.
Ich treffe noch viele andere Leute.
Ich quatsche mit allen.
Ein Wust aus Menschen und quatschen.
Kay hat irgendwann einen Umhang an.
Ein seltsames Stück Stoff.
Er ist recht stolz darauf.
Er ist auch recht betrunken.
Ich bin auch recht betrunken.
Ich frage ihn woher der Stoff ist.
Es geht unter, ich erfahre nie woher das Stück Stoff ist.
Meine Mitbewohnerin kommt von einer anderen Party.
Sie ist fürchterlich betrunken.
Sie hat viele Farben im Gesicht und einen Pulli an, der nicht ihr gehört.
Sie erzählt uns lautstark, woher der Pulli kommt.
Niemand reagiert.
Sie erzählt mir nochmal, woher der Pulli kommt.
Ich sage Aha.
Kay erzählt irgendwem woher das Stück Stoff kommt.
Ich verpasse die Geschichte und frage ihn nochmal.
Er antwortet nicht sondern redet mit meiner Mitbewohnerin darüber woher der Pulli kommt.
Ein Freund verabschiedet sich.
Ich bin empört.
Er sagt er ist halt schon alt.
Es sei schon spät.
Er ist 21.
Er ist offensichtlich nicht alt.
Ich schaue auf die Uhr.
Es ist drei Uhr.
Es offensichtlich noch nicht spät.
Ich hole noch mehr Alkohol inklusive Schnaps.
Ich bin noch nicht zu alt! Denke ich mir.
Ich bin 24.
Das hilft auch nicht weiter.
Irgendjemand am Eingang will rein ohne zu bezahlen.
Ich halte ihn auf.
Ich bin sehr stolz und erzähle allen um mich rum, wie ich jetzt Türsteherin werde.
Niemand ist beeindruckt.
Sie dürfen trotzdem rein.
Nachbarn dürfen umsonst rein.
Egal ob Nachbarn oder nicht, alle sind sich einig das sie trotzdem doof sind.
Irgendjemand sagt, dass sie ja auch riesige Pupillen hatten.
Jaja, sagen alle.
Ich sage auch Ja.
Ich hab keine Ahnung wie groß ihre Pupillen waren.
Alle meine Freunde sind verschwunden bis auf zwei.
Es ist kalt.
Der Geburtstagsjunge ist in Kays Stück Stoff gehüllt.
Ich frage ihn, woher Kay das Stück Stoff hat.
Er sagt dass wir uns reinsetzen sollten, es ist kalt.
Er hat ja Recht.
Wir setzen uns rein.
Die Musik ist recht laut.
Ich realisiere, dass ich keine Sekunde getanzt habe.
Ich bereue das, denn es klingt super.
Aber ich bin zu betrunken.
Es ist fünf Uhr morgens.
Vielleicht bin ich langsam zu alt.
Ich muss ins Bett.
Ich stehe auf.
Meine Mitbewohnerin fragt, was ich mache.
Ich sage ich gehe aufs Klo.
Ich gehe aber nach Hause.
Ich hasse mich verabschieden.

Ich wache auf, und habe den Kater meines Lebens.
Gute Party.

Anmerkung: Der Stück Stoff von Kay kam aus einer Kiste, die er in der Nacht zuvor auf dem Boden gefunden hat. Ich hab ihn nüchtern nochmal gefragt. Es hat mich einfach nicht losgelassen. 

 

Louise Kenn

Louiseschreibtfueralle.com

INTROmyself NACHTSICHTEN #03

will nicht darüber nachdenken – wach-
höchstens im Traum – wenn er mich
zwingt.

Ich denke das hat jeder –
einen Traum in dem jemandem –
aus der
Familie
etwas zustößt- jemand zu Schaden kommt- krank wird

stirbt

JEMAND

das hört sich so weit weg an.

Natürlich sind :Mama Papa Bruder und Schwester gemeint.
Ich wache schweißgebadet auf und MUSS anrufen-
am nächsten Tag-
ob denn wirklich alles gut ist.
Ist es immer.
Alles gut
– Alle da.

An dem Tag an dem mein Vater gestorben ist
und er mit Blumen übersät aufgebahrt da lag –
sah
es so aus als wäre diese Bild
aus einem bösen Albtraum entsprungen.

Ein Albraum ist eine lahme Trocken-Übung des Schmerzes.
Im Leben.

Ein laffer Abklatsch – doch war es vielleicht gut –
diese kleine Fingerübung im Traum schon ab und an
zu machen-
wer weiß ob man nicht sonst
zersprungen wäre
in 10000 Stücke

S., 41

Outro, Mois

Was die Vice kann, können wir schon lange in geiler. Hier nun also der ultimative Gentrifizierungs- und Partyreport zum verlinken auf deinem tumblr-Blog. Falls man da Artikel verlinkt. Ich hoffe es. Verlink meine Artikel. Bitte. Kriegst ein Shoutout.

Es ist gar nicht so lange her, da war die Glasfront der „Blauen Perle“ noch nicht mit zwei großflächigen Graffiti bedeckt. Der übliche Wust sicherlich gut gemeinter Tags spottete zuvor in üblicher Weise jedwedem künstlerischen Anspruch. Die zwei neuen großformatigen Stücke stellen eine erfreuliche Annäherung an westdeutsche Sprüherklasse dar, wie sie etwa der Düsseldorfer „RS“ verkörpert (Shoutout an dieser Stelle geht raus im Namen von Intro). Eine Seltenheit in Leipzig-West. Chapeau! Es ist zudem gar nicht so lange her, da machte die „Blaue Perle“ dem „Am Kanal“ und der „Galaxy Bar“ scharfe Konkurrenz um den Titel des urigsten Alkoholikertreffs Lindenaus (die Sitzbänke am Lindenauer Markt laufen außerhalb des Wettbewerbs). Saubere Glasscheiben zeigten gerade gewachsene Yuccapalmen und nicht ganz so gerade Existenzen.

Das war einmal. Irgendwer muss auf den Trichter gekommen sein, dass sich in den heutigen Zeiten mit desillusionierten Soziologiestudenten, Bloggern, Amateur-DJs und sonstigen Teilzeitalkoholikern ein größerer Reibach machen lässt als mit realsozialistisch gestählten Vollzeitalkoholikern. Da das „Am Kanal“ durch den vorzüglichen Schnitzelteller, das Fassbier zu fairen Preisen und den vorbildlichen, familiären Service (Shoutout an dieser Stelle geht raus im Namen von Intro) mittlerweile sehr gut besucht ist und nicht mehr als Geheimtipp gelten kann, bleibt nur noch die Galaxy Bar für diejenigen, die das real eastern germany experience of 1985 suchen. Der Rest war Samstagabend in der Blauen Perle, um mit Intro das Outro zu feiern.

Als ich ankomme, haben die Bands die Temperatur im Innenraum auf gefühlte 35 Grad aufgeheizt. An der Bar muss ich mir die Frage anhören, warum ich das Bier für den halben Preis bekommen sollte. Die Antwort „Ich bin der Blogger von Intro“ geht mir mittlerweile wie selbstverständlich über die Lippen. Schade, dass ich ihn nach heute Abend nicht mehr benutzen kann.

Draußen im Biergarten ist Rumgesitze, Gerede und Getrinke. Lässige Leute, lässige Sprüche, lässiger Gedankenaustausch über Postkolonialismus und Kokain. Man kennt es. Zwei Typen in Ganzkörpertierkostümen kreuzen auf. Ich bekomme weiche Knie, denn zunächst halte ich sie für die beiden Gitarristen der Leipziger Undergroundhelden Radium Palace (Shoutout an dieser Stelle geht raus im Namen von Intro). Jedoch spielt keiner von ihnen Gitarre, als hätten Jimi Hendrix` Geist und Les Claypool ein uneheliches Kind gezeugt und von Wölfen großziehen lassen, deswegen muss es sich um eine Verwechslung handeln.

Zum Glück spielt auch sonst keiner Gitarre. Im Kreis um einen klampfenden Typen sitzende Gruppen sind mir auf Partys ein Graus. Ein Trauma von früher, das erinnert mich an Abende am Rhein, an denen ein beliebiger Schmock aus der Parallelklasse mit Wollmütze und Emofrisur am Lagerfeuer die ersten drei Akkorde von „Wonderwall“ spielt, während die mischbiertrunkenen Mädchen mit einer Mischung aus Ehrfurcht und unzähmbarem Begehren an seinen Lippen hängen. Harte Jahre waren das. Oder hatte jemand schon mal Sex, weil er einem Mädchen am Lagerfeuer eine Kurzgeschichte vorliest? Auf jeden Fall nicht ich mit 16. Fünf Jahre später bin ich immer noch zu faul, um Gitarre zu lernen. Stattdessen schreibe ich keine Kurzgeschichten mehr, sondern blogge. Klarer Fall von selbst Schuld.

Die Stunden gehen ins Land. Ich werfe mir einen blau-silbernen Vorhang um die Schultern, um darunter einen Beutel voller Bier, Pfeffi und Joints in die Blaue Perle zu schmuggeln. Ich kann Louise (Shoutout etc. (Gag ist durch, aber ich wollt`s nochmal sagen)) jedoch bei unserem Pegelstand nicht erklären, woher ich den habe. Den Umhang, nicht den Beutel. Wichtig ist, dass er ziemlich cool aussieht. In Paris und Mailand trägt man gerade nichts anderes. Ich verteile den Beutelinhalt, um die allgemeine Dichtheit zu forcieren.  Das funktioniert, für mich auf jeden Fall, ziemlich gut. Und somit auch irgendwie für alle anderen, denn wenn ich happy bin, geh ich mal schwer davon aus, dass das bei den meisten anderen auch der Fall sein wird. Oder wie mir ein weiser Goahippie am Lagerfeuer mal sagte: Du musst dich selbst heilen, um dein Umfeld zu heilen. Drinnen läuft zwischendurch „What is Love“ von Haddaway, wobei mir auffällt, dass ich Eminem immer noch nicht ganz dafür vergeben habe, dass er das in „No Love“ gesampled hat. Zudem stinkt der Song gegen den gleichnamigen von Death Grips (S/O) massiv ab. In diesem Kontext, im Äußeren wie im Inneren, passt er aber.

Es passt generell alles am Abend. Und er endet da, wo das Intro angefangen hat: Im Institut für Zukunft. Über den Morgen hüllt sich der Mantel des Schweigens. Bis zum nächsten Jahr.

Kay Schier

Ein Blick hinter die Fassade

Die meisten kennen das Astoria nur als Ruine am Hauptbahnhof. Dass das Hotel eine bewegte Geschichte mit einigen dunklen Kapiteln hat, lerne ich bei Astoria der Lecture Performance von Jonas Schönfeldt.

Seit 100 Jahren steht das Hotel schon in Leipzig. Damals als die Stadt noch als florierender Messestandpunkt galt, war das prunkvolle Hotel mit Bar und Tanzcafé das Highlight jedes Besuchers. Mit Aufkommen des dritten Reiches waren die glanzvollen Zeiten vorbei: Der jüdische Besitzer wurde enteignet und das Astoria im Krieg schwer beschädigt. Erst die DDR baute es wieder auf. Nach der Grundsanierung erlangte es seinen ehemaligen Ruf als Prunkbau schnell zurück. Doch der Schein trog. Das Astoria war nicht nur eines der edelsten Hotels des Landes, sondern auch Hochburg der Stasispitzelei. MitarbeiterInnen spähten KollegInnen und Gäste aus. Das Protokollführen wurde für manche Angestellten zum Zweitjob.

Das alles erfahren wir in einem filmischen Prolog, denn Astoria legt in seinem Hauptteil den Fokus auf die Stasivergangenheit. Gisela, eine reizende ältere Dame und ehemalige Mitarbeiterin am Astoria, betritt die Bühne und bildet den Kern der Aufführung. An Hand der Akte Rosmarie (so zumindest der Deckname) erzählt sie darüber, wie die Observationen abliefen. Neben den Beobachtungen von Rosmarie, erfahren wir durch Gisela einiges über sie selbst und den Arbeitsprozess der Inszenierung. Zum einen durch eingespielte Fragen von Jonas, zum anderen durch Projektionen von seinen Arbeitsnotizen. So erfahren wir welche Gedanken bei der Erarbeitung eine Rolle gespielt, welche umgesetzt und welche wieder verworfen wurden. Was beim ersten Mal wie ein technischer Fehler wirkt, hat Bestand und Sinn.
Insgesamt informiert Astoria gut über eine andere, unbekannte Seite des Hotels. Die Thematik ist spannend, doch Rosmaries Akte enttäuscht ein wenig. Man wünscht sich dunkle Geheimnisse, Geschichten von Spionage und KollaborateurInnen, Skandale die aufgedeckt werden. Ein bisschen mehr Drama! Doch Rosmaries Beobachtungen beschränken sich auf weiblichen Besuch mit dunklen Haaren, der sogar am Mittagstisch teilnimmt. Die Fantasie ist eben kreativer als die Realität. Doch wer weiß was noch alles im Astoria verborgen ist…

Dieses Jahr wurde das Hotel an einen neuen Investor verkauft, der wieder einen Hotelkomplex daraus machen möchte. Wer in einem Anflug von Abenteuerlust einen nächtlichen Einbruch wagen und das Hotel selbst erkunden möchte, dem bleibt nicht mehr viel Zeit. 😉

Maike Gomm

Thanatophobia – Keine Angst vor der Angst

Komplett durchnässt, aber hochmotiviert, habe ich es gerade noch rechtzeitig zum Westwerk geschafft. Trotz Gewitter, unverschämt vieler roter Ampeln, und Großsperrung mit SEK an der Eisenbahnstraße.

Alles für das INTROFestival
Alles für das INTROFestival ©Arne Bloch

Nun also Thanatophobia. Gleichermaßen atmosphärisch wie Alles was weiß ist Schnee und doch ein ganz anderes Format.

Ein dunkler Saal. Isolierte Plätze. Nebel. Klang. Ich spüre die Anwesenheit von Fremden hinter mir. Sie gehen zwischen den Stühlen entlang, eng an den Zuschauern vorbei. Ihre Glieder hängen leblos herab, wie tot.

Um den Tod soll es an diesem Abend auch gehen, genauer gesagt um die Angst davor. Die in dicke, schwarze Mäntel verpackten Menschen sind auf der Bühne angekommen und scharren sich um eine Glühbirne. Das Licht hat hier viele Bedeutungen, vor allem ist es das erste was die Angst vertreibt, nachdem man schweißgebadet aufgewacht ist. Erst einmal das Licht anmachen. Der Chor beginnt zu sprechen und wiederholt unablässig dasselbe Mantra: „Schaltet das Licht an. Atmet aus. Den Rücken an die Wand. Das Haar, durchnässt. Wasser perlt von der Stirn…“. In diesen Worten verliert man sich zunächst, nur um sich danach wiederzufinden, zurückgeworfen auf die eigenen Zweifel und Ängste. Es scheint hier gar nicht unbedingt um den Tod zu gehen, sondern viel mehr um die Angst und den eigenen Umgang damit. Denn was ist der Tod genau? Das Nichts, das Ungewisse und genau deswegen eignet er sich für das Publikum als Projektionsfläche.

Wir alle haben Angst. Angst, die sich durch ihre Unbestimmtheit von der Furcht unterscheidet. Man versucht ihr mit Argumenten beizukommen, doch es ist zwecklos. Der Chor bei Thanatophobia stellt genau diesen inneren Zwiespalt eines Phobikers aus. Seele vs. Verstand; Emotionen gegen Rationalität. Tatsächlich wechselt der Chor von der einen Stimmung in die Andere. Gerade noch im Schock mit der Aufarbeitung der Panikattacke beschäftigt, doziert er im nächsten Moment altklug über Angst und Tod. Dieser besserwisserische Teil des Chores stört zunächst, verstärkt jedoch auch die Sympathien für den emotionalen Teil. „Schaltet das Licht an, atmet aus, den Rücken an die Wand…“

Erst gegen Ende finden beide Parts zueinander. Ein Mitglied steigt aus dem Chor aus, reflektiert und hinterfragt was sie vorher besserwisserisch von sich gab. Die Versöhnung liegt irgendwo dazwischen. Ein Leben ohne Angst ist ebenso unmöglich, wie eines das nur aus ihr besteht. Statt Erlösung gibt es Verdrängung. So wie die Akteure sinnbildlich ihre Mäntel ablegen, so kann man versuchen, die eigene Angst abzulegen. Das ist wohl die einzige Möglichkeit, mit ihr umzugehen. Thantophobia ist kein Abend über die Angst vor dem Tod, sondern ein Abend über Angst. Und die haben wir alle.

Maike Gomm

Die Ruhe vor dem Sturm

Als notorisch überpünktlicher Mensch treffe ich fünfzehn Minuten zu früh in der Krudebude ein. Ausnahmsweise stellt sich das als lohnenswert heraus. So habe ich genügend Zeit, durch die Zimmer zu stöbern und die ausgestellten Gegenstände zu bestaunen. Das Ganze wirkt wie ein pittoresker Laden, ein Sammelsurium an Dingen. Ab und zu hört man sogar Vogelgezwitscher. Verschiedene Fundstücke reihen sich, fein säuberlich beschriftet, aneinander. Von einem Hufeisen (bringt Glück), über eine Blüte (riecht gut), bis hin zu einer angebrochenen Würstchenpackung (von Gartenmauer), gibt es einiges zu entdecken.

Eigentlich bin ich hier, um den Audiowalk Alles was weiß ist Schnee zu erleben. Nun geht es los, mit IPod ausgestattet werde ich hinuntergeschickt und auf ein Zeichen setze ich die Kopfhörer auf: Alles um mich herum verschwindet. Geräusche dringen auf mich ein. Rauschen aus allen Richtungen. Ist das die Tram, der Verkehr oder die Blätter der Bäume? Eine Stimme beginnt mit mir zu sprechen und macht mich auf Kleinigkeiten aufmerksam. Dort das Haus; wer wohl darin wohnt? Oder die Pflastersteine; ob sie wohl systematisch angeordnet sind? Die Stimme leitet mich auf eine Brücke. „Das was wir sehen, ist nicht immer die Wahrheit“, flüstert mir jemand ins Ohr. Im nächsten Moment fange ich eine Schneeflocke und spüre, wie sie in meiner Hand zerschmilzt.

Schritte. Zurück über den Fußgängerüberweg. Ich verliere mich in den Sounds und in den Bildern, die sie in meinem Kopf erzeugen. Ich spüre wie sich meine Wahrnehmung verschiebt. Merklich verändert sich mein Bewusstsein, meine Schritte werden langsamer, mein Atem tiefer. Die Umgebung nehme ich immer intensiver wahr. So ähnlich muss dieses Achtsamkeitstraining funktionieren, von dem man so viel hört. Der ganze Stress fällt von mir ab, ich entspanne mich. Trotz der Geräusche in meinen Ohren habe ich das Gefühl absoluter Ruhe. Auch, weil die Stimme mir immer wieder versichert, dass ich keine Kontrolle habe. Und vielleicht zum ersten Mal, bin ich froh darüber.

Weiter geht es durch die Straßen, an Plätzen vorbei, hinein in einen Park, bis ich schließlich in einem Innenhof zum Stehen komme. Das Gebäude mit seiner modernen Architektur verwandelt sich vor meinen Augen in eine Maschine, unzählige Zahnräder beginnen sich zu drehen. Diese Maschine hält alles am Laufen, aber für diesen einen Moment stehe ich außerhalb all dessen.

Dann beginnt das Gewitter. Blitz, Donner, Regen. Plötzlich prasseln dicke Wassertropfen auf mich herab, kein Fleck bleibt trocken. Schnell stelle ich mich unter das Dach und lausche der Stimme noch bis sie verstummt. Folgen tue ich ihr nicht mehr. Ich genieße meine letzten fünf Minuten Ruhe, bevor ich raus muss aus dieser Welt und hinein in den Sturm.

Schließlich nehme ich die Kopfhörer ab und sofort werde ich von der Realität überschwemmt, wie die Straßen von dem Regen. In einer halben Stunde muss ich bei der nächsten Aufführung am anderen Ende der Stadt sein. Der Regen wird nicht weniger und ich bin mit dem Fahrrad unterwegs. Schnell schnappe ich mir ein Regencape und schon bin ich wieder mitten drin.

Hier, liebe Kinder der 90er, die ihr nicht hören konntet was ich gehört habe, noch die passende musikalische Untermalung für den gestrigen Abend:

Maike Gomm

Introcine

ضمن مجموعة الأفلام القصيرة التي عرضت ،كان المزيج المطلوب من سحر الشاشة الكبيرة مع لمسة المسرح المحفز للتفكير و الصور عالية الجودة من ناحية النص و الفكر البسيطة و العميقة.
تترك نفسك منقاداً مع المشاعر الطبيعية العفوية الظاهرة في عيون و جلد الممثلين.
وضعني فيلم „Entrée“ في زاوية صغيرة بداخلي و كيف كنت سأتصرف لو أنني تركت طبيعتي تعبر تماماً عما هي عليه ، لو أنني كنت عفويةً بأنني في كل مرة ضاق بي الحال نهضت و صفعت مَن أمامي ، لو أنني كنت أنا بطبيعتي غير المهذبة من قبلي أنا و من حولي !
ليست بفكرةٍ سديدة !!
في حين أتت الفكرة المميزة في فيلم „Einer Folg über’n Blumentopf“ مغايرة لما سبقها و فكرت مرة لو أنني سقطت فعلاً من الطابق الخامس على وعاءِ زهور يسير بسلام في الشارع ، أمذنبةٌ أنا؟!
ولو أنني كنت يوماً الشرير في إحدى القصص المرواةِ دائماً من وجهة نظر واحدة ، كيف كانت الحياة , مجدداً؟
وقعت في عشق فيلم „fliegende Fische“ ببساطة .
لا يسعني الشرح مطولاً عن مقتطفات هكذا فيلم، مدى جمالها بساطتها و جاذبيتها. <3
„Was erwarten Sie von der Zukunft?“ „ماذا تنتظر من المستقبل؟“ الفيلم القصير المقدم على هيئة مقابلات تم إجراؤها في شوارع مدينة لايبزغ فتحت أسئلته الباب على وجهٍ جديدٍ للمستقبل : من عيون الحاضر .
ماذا أنتظر من المستقبل ؟ بالتأكيد أنتظر راحة أكثر ، المزيد من التكنولوجيا ، تقدم طبّي ، أدوات منزلية حديثة أكثر و أكثر .. الكثير من الاستجمام و لكن .. ألدينا المزيد من الوقت ؟
الحاضر لا ينبئ بذلك ، أين يضيع الوقت؟ بين الكثير من الأوراق البيروقراطية الكثير من ساعات العمل التي تتجاوز أحياناً ال40 ساعةً في الأسبوع !
أسلحة متطورة أكثر في الحروب ؟ القادرة على القضاء على حياة أناسٍ أكثر في وقت أقل !
ثم جاء السؤال : ماذا تخشى مستقبلاً؟ دوّنت الأجوبة على ورقة صغيرة ، كان معظم الأجوبة : الحرب ..
أصدقكم القول ، نعم، لقد أصاب من أعطى هذه الإجابة .. لا أعتقد بأنه يوجد ما هو أصعب و أعقد و أكثر بؤساً من حربٍ تطحن حاضرك و تغيّب مستقبلك خلف ضبابٍ رماديٍّ ، تضطر للهروب ولا يجبرك على المرّ إلّا ما هو أسوأ.. اسأل مجرب!!
ثم تأتي التحفة الفنية „What’s good? “
الفن المتجرد المأخوذ من كل ما يحيط بنا ، المقاطع المأخوذة من كل الوسائل الإعلامية التي نشاهدها يومياً في الانترنيت ، الإعلانات و „الفن“ إن جازت التسمية.
تسأل نفسك بعدها: هل فعلاً قد يكون من الممكن أن „الاستعمال“ التجاري للعنصر النسائي هو شريك في كل جريمة تحدث في بقعة أخرى من العالم ؟
أليس جريمةً فعلاً بحق النساء أن تقتصر أغلب مواضيع المجلات و الصحف المعنية بالمرأة على آخر أخبار الموضة و فنون الماكياج ووصفات الطبخ و من ثم بعض الصفحات „الطبيعية“ .
فيلم ٌ منتجٌ و مقدمٌ في أوروبا تحت إشراف عنصر نسائي أمضى حياته أيضاً في هذه القارة و التي تعتبر في مرحلةٍ متقدمةٍ من احترام حقوق المرأة و المساواة و ينصّ على هذه الأفكار و يطرح هذه النقاشات عمّا يحيط بنا يومياً هو أكبر مثال عن أن هذه المشكلة هي مشكلة عالمية و أننا كأشخاصّ نساءً كنّا أو رجال نعيش في نعيم هذه الحرية و الحقوق المدنية العادلة لا بد لنا من الكفاح من أجل النساء حول العالم و حقوق الإنسان عامّة و ربما كانت الخطوة الأولى من خلال تسليط الضوء على مثل هذه السموم المدسوسة في الإعلانات و الصور و الأفلام المبهرجة .

بيان عماد الدين الجرعتلي
Bayan Juratly

32,7 m/s

أن أستيقظ فجأة وسط عاصفة تضرب المكان .
يجب أن أغادر منزلي على الفور، ماذا سأحمل معي لأنقذه ، كان هذا أول سؤال راودني حين بدأ العرض.
لا يوجد زاوية محددة أو وجهة نظر محددة أو شرح معين يصلح لعمل فني ، مسرحيٌّ كان أم نص كتابي أو فيلم سينمائي .
الأمر برمته يعتمد على منظوري الشخصي و قد أتاح لي هذا العمل طرح أسئلة كثيرة نجحت بأن أجيب بعضها و بقي عدد منها يدور في رأسي مع الموسيقى التي عُزفت خلال العرض و استباحت مساحة ً كبيرةً من فضاءه و لعبت دوراً لا يقل أهمية عن النص المكتوب .
ذكاء توظيف الموسيقا خلال العرض كان ناجحاً بشكل ملحوظ .
أنرقص إن حلّت عاصفة ؟ ربما أنا سأختار قبلةً أخيرة أو قد أرغب بالهرب أو الاختباء أو الخوف حدّ الموت.
في عواصفنا الصغيرة ضمن عوالمنا الخاصة ، بداخلي و بداخلك و في قلب و فكر كلٍّ منا تحل عاصفة مروعة بعضها يأخذ أجمل أجزاء حياتنا معها و يأتي القسم الآخر محمّل بالهموم و المشاكل و تعلق ضمن تيار الهواء الجارف لأحلامك و استقرارك و من ثم تفتح عينيكَ .. أنت تدرك تماماً أن العاصفة راحلة لا محالة و أن المسألة قضية وقتٍ ليس إلّا ، و لكن … هل تجرؤ على أن ترتجل السعادة و ترقص؟ !
الآن نستشير هواتفنا الذكية ، في أي ساعة يتوجب عليّ الخروج ؟ إلى أين؟ ربما حتّى مع من ؟ و لكن ما احتمال حدوث عاصفة ٍ مفاجئة؟ هل سيُعلمُني جهازي الذكي؟ هل أنا فعلاً مُحتاطةٌ بكل ما هو حولي و ضمن حياتي؟
ماذا سيأتي كمفاجأةٍ إن لم أقم بكل هذا المجهود للتحكم و المعرفة و السيطرة ؟ و هل سأغدو أسعد؟
و إن تركت أجهزتي الذكية في المنزل و خرجت وحيداً ، طبيعياً و مجرداً من أسلحتي الدفاعية ولا أستطيع الهروب من تلاقي نظراتٍ أو صمت انتظارً محكوم عليه بمحادثة قصيرة إلى جهازي الذكي ، هل سأحظى ربما بحياةٍ أكثر واقعية و مصداقية و مخاطرة ٍ أكبر؟ !

بيان عماد الدين الجرعتلي
Bayan Juratly

„leipzig ist die glücklichste zeit“ – schernikaus kleinstadtnovelle im lofft

als die lektorin des rotbuch-verlags ende der siebziger jahre das manuskript der kleinstadtnovelle las, hielt sie schernikaus alter für eine lüge: aus marxzitaten, werbeslogans, literaturwissenschaftlichen abhandlungen, spickzetteln und bürokratensprache hatte er bereits mit neunzehn jahren einen text zusammengefügt, den kritiker als vorboten der postmodernen achtziger sehen. der protagonist b. seziert darin scharfsinnig das verhalten der lehrer und mitschüler seines gymnasiums: während er den lateinlehrer für dessen latenten militarismus kritisiert, konstatiert er bei seinen klassenkameraden politisches desinteresse. diese sind in b.s augen so angepasst, dass sie „für gute noten durch brennende reifen springen“. viel schlimmer sind für b. allerdings lehrer, die sich liberal geben, im ernstfall aber nicht für ihre überzeugungen einstehen. deutlich wird dies im umgang des lehrerkollegiums mit b.s homosexualität: am ende der novelle wird b. der schule verwiesen mit der begründung, er habe seinen mitschüler leif über wochen verführt. b. beginnt schließlich ein neues leben in berlin.

schernikaus reife als autor zeigte sich darin, dass seine novelle nicht eine einseitige anklage des schulsystems blieb. humorvoll und kritisch beleuchtet b. seine eigenen schwächen und sehnsüchte, seine überheblichkeit und unreife. auch gibt es in der engen beziehung b.s zu seiner mutter lea deutliche bezüge zu schernikaus biographie: 1960 in magdeburg geboren, floh er 1966 mit seiner mutter ellen nach westdeutschland. dort mussten die beiden feststellen, dass ihr ehemann / vater bereits eine neue familie gegründet hatte. sie zogen daraufhin zu zweit nach lehrte in der nähe von hannover, wo sie bis zu schernikaus abitur gemeinsam wohnten. aufgrund seiner ostdeutschen herkunft und seiner sozialistischen überzeugungen stand schernikau der brd kritisch gegenüber. seit 1976 war er mitglied der deutschen kommunistischen partei (dkp) und auch während seiner studienzeit engagierte er sich in der sozialistischen einheitspartei westberlin (sew). ohne ein unmittelbares, teils auch enervierendes politisches engagement hielt es schernikau für illegitim, als schriftsteller zu arbeiten. auch in seinen literatur thematisierte er politische überzeugungen und utopien, war aber weit davon entfernt, agitprop-texte zu verfassen:

„politik ist kaum literaturfähig. politik ist langweilig. der satz, die revolution muss kommen, ist kaum literaturfähig. auch weil jeder weiß, dass er stimmt. man kann literatur nicht über ein thema machen, das unumstritten ist.“

an anderer stelle ergänzt er ironisch:

„ich bin egoist, und ich glaube, ohne so ne gesunde portion was-wird-aus-mir kann man keine gute kunst machen. und was-wird-aus-mir, das heißt in meinem fall: wie kriege ich aus meinem leben den besten text raus?“

Schernikau
die gedenktafel an schernikaus ehemaliger wohnung in der leipziger universitätsstraße


die besten deutschsprachigen texte brachten seiner meinung nach schriftsteller in der ddr hervor. die option, selbst in die ddr auszuwandern, wurde für ihn im lauf der achtziger jahre immer attraktiver: nachdem ihm die kleinstadtnovelle zunächst den status eines erfolgreichen jungautors beschert hatte, fanden seine folgewerke in westdeutschland keine verleger mehr. um überleben zu können, arbeitete schernikau als babysitter, seine texte verlegte er selbst. ein leben als schriftsteller in der ddr garantierte ihm finanzielle sicherheit, selbst wenn seine texte aus politischen gründen nicht verlegt werden sollten. doch waren es nicht nur materielle gründe, die schernikau in die ddr zogen: für ihn wurden in der brd gesellschaftliche veränderungen kaum noch wahrgenommen, die ddr erschien ihm für subversive aktivitäten sensibler. auch reizte schernikau die künstlerische auseinandersetzung mit der ddr-staatsführung. nachdem im jahr 1986 ein kulturabkommen zwischen ddr und brd geschlossen wurde, begann schernikau ein studium am literaturinstitut johannes r. becher in leipzig (das heutige deutsche literaturinstitut leipzig). die drei jahre in leipzig bezeichnete er rückblickend als seine glücklichste zeit. zwar war für ihn der unterricht am institut wenig inspirierend, doch schätzte er die möglichkeit sich zeit für eigene texte zu nehmen.


erstaunlicherweise besuchte der atheist schernikau während seiner zeit in leipzig jeden freitag den gottesdienst in der thomaskirche. gott war für ihn die projektion des ideals einer herrschaftsfreien gesellschaft. in der musik des thomanerchors wurde dieses ideal für ihn sinnlich erfahrbar. eine herrschaftsfreie gesellschaft beinhaltete für schernikau aber auch einen freien umgang mit dem thema sexuelle identität. in der kleinstadtnovelle wandte er sich beispielsweise gegen die konventionelle vorstellung von starren sexuellen identitäten, was sich gleich zu beginn in b.s gedanken vor dem aufwachen zeigt:
„ich habe angst. bin weiblich, bin männlich, doppelt. fühle meinen körper sich von meinem körper entfernen, sehe meine weißen hände, die augen im spiegel, ich will nicht doppelt sein wer bin ich? will ich sein, männlich, weiblich, sehe nur weiß. ich stehe mir gegenüber, will mich erreichen, strecke meine arme nach mir aus wo bin ich? ich sehe, küsse, umarme und vereinige mich.“
auch in der inhaltlichen auseinandersetzung während der inszenierungsarbeit standen die fragen nach sexueller identität im vordergrund: welcher druck geht von bestehenden rollenbildern aus? warum sind menschen verunsichert, wenn ihre gefühle nicht in unumstrittene normen passen? und warum können viele menschen ihre sexualität nicht als etwas offenes und gestaltbares erleben?

einen wichtigen impuls hierzu lieferte ein interview mit dem französischen philosophen michel foucault. darin beschreibt er sexualität als einen selbstbestimmten, kreativen prozess, durch den rollenbilder und beziehungen neu definiert werden können:

„Sexualität ist Teil unseres Verhaltens. Sie ist Teil unserer Freiheit. Sexualität ist etwas, was wir selbst schaffen – sie ist unsere eigene Kreation und viel mehr als das Aufdecken einer geheimen Seite unseres Begehrens. Wir müssen verstehen, daß in und durch unsere Begehren hindurch neue Formen von Beziehungen verlaufen, neue Formen der Gestaltung. Sex ist kein Schicksal; es ist eine Möglichkeit das Leben zu gestalten.“

die tragik der kleinstadtnovelle liegt darin, dass b. und leif sich zunächst einen raum schaffen, in dem sie diese möglichkeit ausprobieren, leif diese möglichkeit aber zunehmend angst macht. er sucht den weg zurück in eine (heterosexuelle?) normalität, ob ihm dies gelingt bleibt offen. überhaupt bleibt leifs perspektive auf das geschehen in schernikaus erzählung eine leerstelle: während man sehr unmittelbaren anteil an b.s. innenleben nimmt, lernt man leif ausschließlich aus b.s. perspektive kennen. in einem kollektiven arbeitsprozess wurden leifs leerstellen untersucht und durch neu entwickelte texte gefüllt. dennoch bleibt b.s. frage „wer ist leif?“ auch in dieser inszenierung am ende notwendigerweise unbeantwortet. ausgehend von oft sehr kurzen, fragmenthaften szenen in schernikaus vorlage wurden auch die die figuren von tim (bester freund von leif) und liane (beste freundin von b.) in der arbeit mit dem ensemble neu erfunden.

eine erfreuliche begegnung ergab sich während des gastspiels der kleinstadtnovelle beim hart-am-wind-festival in hamburg: schernikaus mutter ellen sah sich dort die vorstellung an und unterhielt sich im anschluss mit dem ensemble. dabei entstand auch das folgende interview mit ihr und regisseur moritz beichl: https://youtu.be/QpvB6nexFak

Maximilian Enderle
Dramaturgie kleinstadtnovelle